Manche sprechen von einer „Geldschwemme“, andere von einer „Liquiditätsflut“: Jedenfalls ging noch nie so viel Geld wie heute um die Welt. Privatanleger und Investmentsfonds suchen auf den globalen Finanzmärkten unruhig nach immer neuen Anlagemöglichkeiten für ihre Euro, Dollar und Yen. Doch eins geht dabei schief: Immer noch bleiben große Regionen übrig, wo viel zu wenig investiert wird. Warum eigentlich? Thomas Fischermann sprach darüber mit Stephany Griffith-Jones, Fachfrau für Finanzmärkte am Institute of Development Studies in Sussex, die seit Jahrzehnten Regierungen und internationale Institutionen berät.

ZEIT online: Frau Professor Griffith-Jones, kennen die Kapitalmärkte eigentlich nur die Küstenregionen Chinas, die russischen Hauptstädte und die Börse in Mumbai? Warum investieren sie nicht auch in abgelegeneren Regionen, oder in Afrika, wo sie doch mehr Gelder anzulegen haben als je zuvor?

Griffith-Jones: Das ist mir zu kategorisch. Es gibt ja Investitionen, es gibt ja Wachstum in den etwas abseitigeren Regionen der Weltwirtschaft. In Asien wachsen auch kleinere Länder wie Kambodscha und Vietnam mit zweistelligen Raten. In der Region werden Sie heute schief angeguckt, wenn Ihre Volkswirtschaft nicht wenigstens mit sechs Prozent wächst. Sogar Afrika ist in den vergangenen Jahren schnell gewachsen.

ZEIT online: Aber insgesamt bleibt dieses Wachstum, bleiben die internationalen Investitionen auf der Welt sehr ungleich verteilt. Vor allem ausländische Kapitalanleger pumpen bisweilen kurzfristig viel Geld in die paar großen Unternehmen eines Schwellenlandes, wo dann einige wenige Börsenwerte in die Höhe schnellen, und manchmal endet das Ganze dann in einer Blase und in einem Zusammenbruch. Dabei gäbe es in diesen Ländern so viele Möglichkeiten, außerhalb der Börsen, außerhalb der großen Märkte etwas langfristiger und auch blasenfrei zu investieren. Zum Beispiel in kleinere Firmen oder in die Infrastruktur.

Griffith-Jones: Das war aber eigentlich schon immer so. Die Finanzmärkte sind kurzfristig ausgerichtet, und die Anleger wollen am liebsten schnelle Gewinne. Sie sehen, dass an der Börse in diesen Ländern die Aktienkurse steigen, und das gefällt ihnen, und sie steigen selber schnell ein.

ZEIT online: So kennt man es zumindest von privaten Anlegern, und ganz besonders vom hot money , das schnell in solche Länder fließt und ebenso schnell wieder hinausfließen kann. Eine neuere Entwicklung ist, dass Zentralbanken und staatliche Investitionsvehikel jetzt auch noch in diesen Markt einsteigen. Einige Länder wie China und Russland haben solch große Devisenreserven angehäuft – ursprünglich, um sich vor Kapitalmarktschwankungen abzusichern – dass sie dieses Geld jetzt auch gerne profitabel irgendwo auf der Welt investieren möchten.

Griffith-Jones: Richtig, und das verstärkt die Gefahr von Blasen noch. Obwohl man auch sehen muss, dass diese staatlichen Fonds dazu neigen werden, ihr Geld weniger kurzfristig orientiert anzulegen als zum Beispiel private Hedgefonds. Das hängt aber von vielen Dingen ab. Einige geben ihre Mittel ja schon an Hedgefonds und Finanzinvestoren weiter, damit sie sie investieren, und dann fließen sie auch wieder in diese kurzfristigen Anlagen.

ZEIT online: Die hohen Reserven, die Schwellenländer wie Russland oder Brasilien da bilden, haben noch eine andere Nebenwirkung: Das ist häufig Geld, das zuvor der eigenen Wirtschaft entzogen wird. Es wird eben nicht in der heimischen Wirtschaft ausgegeben oder investiert, sondern auf die hohe Kante gelegt und in anderen Ländern angelegt. Wer heute nicht investiert, hat aber morgen weniger Wachstum. Bringen die Staaten sich selber um ihre Zukunft?