ZEIT online : Sie saßen bei der Berlin Fashion Week in der Auswahlkommission für den „New Generation Award“. Wofür steht dieser Preis?

Stephan Schneider: Im Rahmen der Preisverleihung bekommen vier junge Designer, die maximal fünf Jahre tätig sein dürfen, die Chance, internationalen Einkäufern ihre Kollektion vorzustellen. Denn der Weg von Berlin nach Paris und New York ist immer noch ein sehr weiter.

ZEIT online : Nach Ansicht vieler nahezu unüberwindbar.

Schneider: In Antwerpen, wo ich arbeite, hat man viel weniger Schwellenangst, einfach nach Paris zu fahren und seine Kollektion zu präsentieren. Der Deutsche fragt sich: „Oh Gott, kann ich mir dort eine Modenschau leisten?“ Der Belgier sagt einfach: „Melde dich an, pack dein Auto, miete dir eine Galerie in Paris und zeig dort deine Sachen!“

ZEIT online : Deutschen Modemachern wird gerne vorgeworfen, sie könnten dem internationalen Vergleich nicht standhalten.

Schneider: Das ist dieses typisch deutsche Denken: „Wir sind so schlecht, alle anderen sind besser!“ Die Arbeiten der Designer, die wir in Berlin gesehen haben, können international absolut bestehen. Sie haben sogar etwas typisch Berlinerisches: Sportlich, ohne zu lässig zu sein, unkompliziert, aber gleichzeitig raffiniert. Die Mode ist nicht dramatisch oder übertrieben, sondern immer natürlich. Man spürt die Handschrift der Stadt.

ZEIT online : Kritiker der Berlin Fashion Week sagen, sie sei keine ernstzunehmende Veranstaltung und könne sich keinesfalls mit den Schauen in Mailand, Paris oder New York messen.

Schneider: Ich finde, die Deutschen müssten wirklich einmal aufhören zu nörgeln. Allein dieser unglaubliche Ort für eine Modenschau - die Models laufen durch das Brandenburger Tor! Das ist ein Zeichen dafür, dass die Stadt ihre Besucher mit offenen Armen empfängt. Und dass Berlin bereit ist für Initiativen. Außerdem: Müssen wir uns denn dauernd vergleichen? Bei Designern tun wir das ja auch nicht. Journalisten fällt es immer schwerer, einen Trend für die neue Saison zu benennen, weil es keine Trends mehr gibt und jeder individuell seinen Stil vertritt. Somit liegt die Zukunft von Modewochen vielleicht sogar darin, dass jede Veranstaltung ihre individuelle Handschrift trägt.

ZEIT online : Wie könnte die für Berlin aussehen?

Schneider: Berlin hat den großen Pluspunkt, dass jeder gerne dorthin fährt. Die Einkäufer nehmen sich gerne zwei, drei extra Tage für die Stadt. Außerdem ist es ein Ort, an dem man Authentizität und Geschichte spürt und das Gefühl hat, immer noch etwas entdecken zu können. Das mögen Modeleute gerne.