Endlich einmal fühlt sich Russland ohne Vorurteil gewürdigt. Was weder Erdgas noch Interkontinentalraketen bewirkten, haben nun die Palmen von Sotschi geschafft - mitsamt der 45 Minuten entfernten Pisten von Krasnaja Poljana, über die auch im Mai noch Skifahrer gleiten. Den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 2014 kommentierte sogar der oppositionell gesinnte russische Journalist Anton Orech mit einem „Uurraaa!“-Freudenruf und der Formel vom „größten internationalen Sieg aller Zeiten“. Es ist Wladimir Putins Triumph. Sotschi beschert dem russischen Präsidenten im letzten Regierungsjahr nicht nur einen Erfolgsartikel in der Amtschronik, sondern zugleich eine elegante Chance auf die fortdauernde Sicherung seiner Macht.

Als vor zwei Jahren in Singapur die Sommerolympiade 2012 vergeben wurde, um die sich auch Moskau bewarb, hatte sich Putin noch mit einer Videobotschaft an die Delegierten begnügt. Der zuvor extra angereiste englische Premierminister Tony Blair durfte schließlich den Sieg Londons feiern. Diesmal flog Putin zur Versammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nach Guatemala und plädierte in einer ungewöhnlich leidenschaftlichen Rede - auf Englisch und Französisch - für die Schwarzmeerstadt Sotschi. In den Monaten zuvor war er bereits bei jeder Gelegenheit medienwirksam die Winterpiste von Krasnaja Poljana heruntergewedelt und hatte in Präsidentensuiten und bei IOC-Delegierten seinen - in kleiner Runde wirkungsvollen - Charme eingesetzt.

„"Dies ist ein Urteil über unser Land und eine Anerkennung unserer wachsenden wirtschaftlichen und sozialen Fähigkeiten“", kommentierte Putin den Zuschlag für Sotschi. Die Berufspatrioten in Russland, die für eine mögliche Niederlage bereits ein internationales antirussisches Komplott ausgemacht hatten, blieben angesichts des Erfolgs auf ihren Verschwörungstheorien sitzen. Sportminister Wjatscheslaw Fetisow sprach den Sieg Putin und noch einer höheren Macht zu: „"Gott war mit uns und unserem Volk."“

Die Wahl Sotschis durch irdische Delegierte des IOC putscht nicht nur das nationale Selbstbewusstsein auf, sondern wird auch zum Boom der Wirtschaft Russlands beitragen. Allein das von Putin versprochene nationale Investitionsprogramm für Sotschi beläuft sich auf knapp 13 Milliarden Dollar -– mehr als dreimal soviel Geld, wie Turin für die Winterspiele im vergangenen Jahr ausgegeben hat. Die kleine Minderheit der Olympiakritiker in Russland beklagt entsprechend, dass allein mit der Ankündigung dieser Summe die Zustimmung vieler Delegierter quasi erkauft worden sei.

Sotschis wirtschaftliche Zukunft aber erscheint mehr als rosig: In Erwartung des großen Geldes steigen schon seit einiger Zeit die Immobilienpreise rund um die künftige Olympiastadt. An der Moskauer Börse schnellten am Freitag die Aktien eines großen Stahlproduzenten und einer südrussischen Elektrizitätsfirma in die Höhe. Der Strommonopolist RAO EES versprach für 2011 ein funktionierendes Stromnetz, nachdem Sotschi noch in der Bewerberphase von manchem Blackout getroffen wurde. Russlands Oligarchen wetteifern mit Hunderten von Millionen Dollar, die sie in Sotschi verbauen wollen. Langfristig, schätzen sie, werden die Investitionen eine akzeptable Rendite bringen. Kurzfristig stärken sie die eigene Beliebtheit beim Präsidenten.