Mustafa Dogans zweites Länderspiel war ein ganz besonderes. Wenn auch ein besonders kurzes. Im Oktober 1999 wurde er im EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei - das Münchner Olympiastadion war fest in türkischer Hand - eine Minute vor Schluss in die deutsche Nationalmannschaft eingewechselt. Sportlich ergab das wenig Sinn, es stand 0:0, was sollte da ein weiterer Manndecker? Es ging um die Geste, ein Jahr nach der WM 1998 mit ihrem multikulturellen Sieger Frankreich. Dogan, 1992 eingebürgert, war der erste türkischstämmige Spieler in der deutschen Nationalelf. Und das ganze Stadion pfiff ihn aus.

Fast auf den Tag genau sechs Jahre später gab ein anderer in Deutschland aufgewachsener Türke sein Länderspieldebüt. Auch Nuri Sahin wurde eingewechselt, rechtzeitig genug allerdings, um in Istanbul das entscheidende Tor zu erzielen - das 2:0 gegen Deutschland. Bis zuletzt hatte der DFB versucht, Sahin für sich zu gewinnen, doch er kam zu spät. Als Kapitän der türkischen U17-Nationalmannschaft hatte Sahin nicht mehr wechseln wollen. Und ein ganzes Land jubelte. So unterschiedlich können trotz gleicher Voraussetzungen Karrieren verlaufen.

Mustafa Dogans Familie kam nach Duisburg, als er zwei Jahre alt war, Nuri Sahin ist in Lüdenscheid geboren. Beide lernten Sprache und Fußball in Deutschland. Doch während Dogans Berufung - er machte nach München nie wieder ein Länderspiel - wie ein hilfloser Reflex auf die französische Einbürgerungspolitik wirkte, war Sahins Zukunft Thema einer öffentlichen Debatte. Schließlich ist er ein europaweit hoch gehandelter Nachwuchsstar.

Längst hat in Deutschland ein Werben um die Talente begonnen, die Mehmet und Hakan, Giuseppe und Massimo oder Goran und Zlatan heißen. Das war einmal anders. "Es gab früher oft die Einstellung, dass wir genügend gute Spieler haben, und wenn wir einen verlieren, dann nehmen wir halt den anderen", gibt Theo Zwanziger zu. Das will der DFB-Präsident ändern. Das muss er auch, soll die Nationalmannschaft langfristig in der Spitze mitspielen. Die Bevölkerungsentwicklung lässt dem deutschen Fußball keine andere Wahl.

Die Prognosen erwarten bis zum Jahr 2050 zehn bis 20 Millionen Einwohner weniger. Dazu kommt die Überalterung der Gesellschaft. Der einzige Faktor, der beide Trends abbremst, ist die Zuwanderung. Durch die Einwanderer selbst zum einen, zum anderen aber auch durch die Tatsache, dass ausländische Frauen mehr Kinder zur Welt bringen als deutsche. Schon heute stellen Spieler mit Migrationshintergrund in den Ballungsgebieten das Gros vieler Jugendmannschaften, ohne sie müssten viele Vereine zusperren. Die Kinder der Einwanderer sind die Zukunft des deutschen Fußballs.

Seit etwa zehn Jahren bildet sich dieser Trend im Nationalteam bereits ab. Doch die größte Einwanderergruppe, die Türken, spielt in der DFB-Elf so gut wie gar nicht mit. Knapp 1,8 Millionen Türken leben in Deutschland, weitere 840.000 haben sich einbürgern lassen. Das sind mehr als drei Prozent der Bevölkerung. Aber nach dem gescheiterten Versuch mit Mustafa Dogan dauerte es bis August 2006, bis erneut ein türkischstämmiger Spieler in der Nationalelf auflief: Malik Fathi von Hertha BSC. Auch die Italiener und die Exjugoslawen bleiben meist außen vor.

"Heute hat die Nationalmannschaft ja schon ihre Polanskis und Podolskis. Aber irgendwann kommen vielleicht nicht mehr so viele polnischstämmige Talente nach. Irgendwann braucht das Team auch die türkischen Namen", glaubt Mustafa Özil. Er ist der Vater des 18-jährigen Talents Mesut Özil, das in der vergangenen Saison in den Schalker Profikader aufgerückt ist und mehrfach eingewechselt wurde. Neben Fathi und dem Stuttgarter Serdar Tasçı ist Özil einer der wenigen türkischstämmigen Spieler, die sich für die Perspektive in den deutschen Auswahlteams entschieden haben. Als einer der wenigen hat er es auch bis an die Schwelle einer aussichtsreichen Profikarriere geschafft.

Denn das ist das eigentliche Problem: Nur ein Bruchteil der ausländischen Spieler erreicht überhaupt ein so hohes Leistungsniveau, dass sie sich für eine Nationalelf entscheiden müssen. Und das, obwohl die Kinder der Einwanderer in der Jugend oft in der Mehrzahl sind. "In den unteren Klassen und bei kleinen Vereinen ist es für diese Spieler viel schwieriger. Der DFB kommt eigentlich erst ins Spiel, wenn die Jungen diesen schwierigen Weg bewältigt haben", sagt Nuri Sahins Vater Savas Sahin, der selbst als Trainer und Spielleiter tätig ist. "Die Proportion stimmt nicht", stimmt der Soziologe Frank Kalter zu. "Die Quote, die es nach oben schafft, ist angesichts der Überrepräsentation in den unteren Klassen erstaunlich gering."