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„Ohne Frage: wenn der Nahost-Konflikt von heute auf morgen beigelegt wird, wären hier sehr viele Menschen arbeitslos.“ Natasha Arouri lacht über das Paradoxon, das im Westjordanland und Gazastreifen so viele Friedensaktivisten am Abbau ihres eigenen Arbeitsplatzes wirken. Sie selbst scheint sich keine Sorgen um die Zukunft ihres Jobs zu machen. Die 23-jährige Palästinenserin hat vor kurzem mit einer Gruppe von Studenten in Ramallah ihre eigene Nichtregierungsorganisation (NGO) gegründet: das Peace and Freedom Forum . Ihr erklärtes Ziel ist es, die „palästinensische Sache“ an die Öffentlichkeit zu bringen.

Die palästinensische Sache besteht bei Natasha vor allem aus Zahlen. Soundso viele Vertriebene, soundso viele Arbeitslose seit dem Mauerbau, soundso viele abgeschnittene Olivenbäume, soundsoviele Checkpoints. „Die Mauer schafft langsam Realitäten. Die Leute vergessen, dass sie früher auf der jeweils anderen Seite zum Arbeiten oder Einkaufen bei ganz normalen Menschen waren. Und dafür bewundere ich die Israelis. Sie denken 50 Jahre voraus. Das ist etwas, was wir Palästinenser noch lernen müssen.“ Die junge Aktivistin wirkt bei solchen Worten weder verbittert noch zynisch, sondern überraschend pragmatisch, so als ginge es um die Konkurrenz zweier Unternehmen.

Ihr Vater, Physikprofessor an der Bir-Zeit-Universität, ist am großen Edelholztisch der Familie wenig begeistert vom Wildwuchs der zahlreichen NGOs in den besetzten Gebieten. Die vielen zersprenkelten kleinen Gruppen machten eine geschlossene Bewegung und das Arbeiten für ein einheitliches Ziel unmöglich; ein Ziel, das konkreter ist als das bedeutungsschwangere und deswegen bedeutungslos gewordene Wort Frieden.

Seit seiner Kindheit ist Tayseer Arouri politisch aktiv, schmuggelte schon als kleiner Junge für die Kommunistische Partei Nachrichten und Nahrung, wenn wochenlange Ausgangssperren herrschten, und musste Anfang der Neunziger für vier Jahre ins Exil flüchten. Damals war er Mitglied der palästinensischen Delegation bei den Friedensverhandlungen in Madrid und Washington. Dieses Jahr war er im Gespräch für einen Ministerposten der palästinensischen Einheitsregierung. Aber Arouri hat sich von der Parteipolitik abgewandt. Er engagiert sich privat im Rahmen von Seminaren für junge israelische und palästinensische Führungskräfte, auch in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung. „Früher konnten wir mit der Kommunistischen Partei die Masse mobilisieren, heute mobilisiert jeder seine Gruppe, arbeitet an seinem Projekt.“

Auch Arouris Sohn Farris hat sein Projekt. Er ist zusammen mit seiner Schwester Natasha Vorsitzender des Peace and Freedom Forums und verdient sein Geld im israelisch-palästinensischen All For Peace Radio in Jerusalem. Faris ist einer der wenigen Palästinenser, die noch ein Visum für den Übertritt nach Israel besitzen. Die sogenannten Permits sind nur einen Monat gültig. Auf eine Verlängerung könne man sich nicht verlassen und somit auch nicht auf seinen Arbeitsplatz, klagt der 25-Jährige. Bis 2008 will Israel sämtliche Arbeitsgenehmigungen für Palästinenser abschaffen. So lange Faris seine noch hat, braucht er für die weniger als zehn Kilometer zwischen Ramallah und Jerusalem manchmal anderthalb Stunden, manchmal acht - je nachdem, wer Dienst am Checkpoint hat. Er fühlt sich wie ein Bürger fünfter Klasse. „Unser Widerstand hier in Palästina rührt weder aus nationalen noch aus religiösen Gründen. Alles was wir wollen, ist unseren eigenen Staat, in dem wir Bürger erster Klasse sind, nicht fünfter.“

Der eigenen Regierung, der Palästinensischen Autorität, wie die Regierung ohne Macht genannt wird, vertrauen die Palästinenser schon lange nicht mehr. „Es ist ein großer Fehler zu denken, wir hätten eine Regierung. Wir haben eine Verwaltung und die funktioniert nicht einmal.“ Khalil Shiha, Direktor einer der größten palästinensischen NGOs, will über dieses Thema nicht sprechen. Zeitverschwendung, zu viele enttäuschte Hoffnungen. In blutiger Klarheit zeigte vor Kurzem der Bruderkrieg zwischen Hamas und Fatah die Gründe für diese resignativ-pragmatische Einstellung Shihas. Seine Agricultural Development Association (PARC) mit mittlerweile fast 140 Angestellten und 12.000 Freiwilligen bemüht sich im Westjordanland und Gazastreifen darum, den Hunger zu stoppen. PARC verteilt kostenlose Lebensmittel, setzt sich gegen die Konfiszierung von Ländereien ein und ermutigt die Bauern, nachhaltige Landwirtschaft mit erneuerbaren Energien zu betreiben. Palästina soll so von israelischen Importen unabhängiger zu werden.

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Seit einigen Jahren gibt es ein Programm zur Unterstützung der Frauen, das mittlerweile 6000 Palästinenserinnen durch Mikrokredite die Finanzierung von Kleinstunternehmen ermöglicht hat. In den nächsten drei Jahren sollen es 30.000 sein. „PARC gibt den Menschen Hoffnung und Würde wieder.“ Und wer bezahlt Hoffnung und Würde? Es sei überhaupt kein Problem, Sponsoren für die Großprojekte zu finden, sagt Shiha. Seine Arbeit finanzieren unter vielen anderen die Europäische Union, die deutsche Heinrich-Böll-Stiftung und die Evangelische Kirche.

Das Geschäft mit dem Frieden ist zu einem der lukrativsten Wirtschaftssektoren Palästinas geworden. Im Westjordanland und Gazastreifen beschäftigt die Peace-Industry ein bisher ungezähltes Heer an Friedensaktivsten und Entwicklungshelfern und verfügt über immense Summen. In einem komplexen, intransparenten System schütten Staaten, Stiftungen, Kirchen, Hilfsorganisationen, EU und UN ihre Töpfe über dem kleinen, bedürftigen Flecken Land aus. Deutschland beispielsweise, als eines der drei größten Geberländer, half seit Gründung der Palästinensischen Autonomiebehörde mit 532 Millionen Euro. Dazu kommen die indirekten Zahlungen über die UN und die EU. Allein Brüssel zahlte vor dem Boykott jährlich 350 Millionen Euro an die palästinensische Regierung. Als dann nach dem Wahlsieg der Hamas im vergangenen Jahr der internationale Geldstrom teilweise stockte, sprach die Hilfsorganisation Oxfam nach nur fünf Monaten von einem Defizit von einer Milliarde US-Dollar.

Der Großteil dieses Geldes fließt dennoch über umgeleitete Kanäle durch NGOs und internationale Einrichtungen weiterhin nach Palästina, wo es dringend benötigt wird: Das Bruttoinlandsprodukt ist seit 1999 um 38 Prozent gesunken, 66 Prozent der Kinder leben unter der Armutsgrenze, die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 23,6 Prozent. Wer eine Stelle hat, verfügt nicht unbedingt über ein Einkommen. Das Gehalt kommt unregelmäßig und manchmal gar nicht. 2006, im Jahr des Boykotts, war die Situation besonders dramatisch. Regierungsangestellte mussten nach Angaben der Weltbank mit der Hälfte ihres Gehalts auskommen. Der Öffentliche Dienst befindet sich im Dauerstreik. Nach einer Studie von Oxfam konnten 2006 neun von zehn öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäuser und Wasserbetriebe ihrer Arbeit nicht ausreichend nachkommen. Die Zahl derer, die in Armut leben, ist seit dem Boykott um 30 Prozent gestiegen. Der gewaltsame Bruch zwischen Hamas und Fatah hat die Lage für die Menschen besonders im Gazastreifen weiter verschlechtert.

Um so dringender ist die Arbeit der Hilfsorganisationen. Die wachsende Bedürftigkeit lässt den Markt der NGOs florieren. Nach Angaben der UN hat sich die Zahl der Hilfsorganisationen in Palästina zwischen 1999 und 2005 mehr als verdoppelt. Schon vor dem Boykott lebte jeder vierte Palästinenser von Hilfsleitungen. Viele hoffen gar, dass die NGOs ihre handlungsunfähige Regierung ersetzen. Im Gegensatz zur Autonomiebehörde verfügen sie schließlich über hohes Ansehen in der Bevölkerung, finanzielle Ressourcen und glaubwürdige Medienpräsenz. NGOs helfen, wo die palästinensische Regierung ohne Macht versagt oder versagen muss.

Issam Aroudi hilft Palästinensern, sich im juristischen Gewirr aus altem ottomanischem, jordanischem und britischem Recht sowie mehreren tausend militärischen Verordnungen aus Israel zurecht zu finden. Da palästinensische Anwälte nur vor dem Militärgericht klagen können, arbeitet seine Organisation Jerusalem Legal Aid Center mit zwei israelischen Anwälten zusammen. Sie verklagen Israel wegen Menschrechtsverletzungen. Der Verlauf der Mauer musste auf Grund ihrer Klagen an mehreren Stellen verlegt werden, und auch auf die übrigen Fälle ist Aroudi stolz. 2006 haben sie mehr als die Hälfte ihrer 417 Prozesse gewonnen. Er beklagt, dass es in Palästina keine Strafverfolgung gebe. „Es herrscht das Prinzip Survival of the fittest . Der Gerechtigkeit dienen nur die Bodenwellen.“ Auf den Straßen Palästinas drosseln zahllose Asphalthügel die Geschwindigkeit empfindlich, da keine Verkehrspolizisten bezahlt werden können. Das kleine Beispiel aus dem Straßenverkehr ist ihm Symbol für eine Exekutive ohne Mittel und Recht und Ordnung. Aroudi sieht seine und auch die Aufgabe der übrigen NGOs darin, eine Alternative zu Bodenwellen und Survival of the fittest zu bieten.

Obwohl viele Organisationen ähnlich Großes leisten und ihren Teil dazu beitragen, dass Palästina noch nicht zusammengebrochen ist, werden Zweifel daran laut, ob sie ihrer Aufgabe gewachsen sind und auch verantwortungsbewusst an ihr arbeiten. Im Dezember 2006 veröffentlichte die Weltbank eine Studie über die Rolle und Leistung der palästinensischen NGOs. Das Ergebnis ist nicht erschütternd, aber dennoch besorgniserregend: Die wirklich Bedürftigen unterhalb der Armutsgrenze werden kaum erreicht, die Personal- und Entscheidungsstrukturen sind wenig demokratisch, die Transparenz bei der Verteilung der Gelder lässt zu wünschen übrig und die Ergebnisse der eigenen Arbeit werden nicht ausreichend untersucht und dokumentiert. Das Potenzial aus Popularität und Geld werde nicht völlig ausgeschöpft, so das Fazit der Studie.

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Auch mit ihrer Medienpräsenz gehen manche NGOs verantwortungslos um. Sie ergreifen in den Konflikten mit Israel und innerhalb der Palästinenser einseitig Partei und tragen so zur Verhärtung der Fronten bei. So bezeichnet manche NGO palästinensische Selbstmordattentäter euphemistisch als „Aktivisten“, „Friedenskämpfer“ oder „Märtyrer“, wohingegen sie für die israelische Seite und deren Taten dämonisierende Worte verwenden. Gerne wird das Bild vom brutalen Goliath und hilflosen David verwendet, auch wenn die Wirklichkeit viel komplizierter ist.

Nach ihren eigenen Richtlinien unterstützt die EU eigentlich nur Hilfsorganisationen, die sich für einen Dialog einsetzen. Doch immer wieder gehen die Gelder auch NGOs, die Israel offen angreifen und nicht die EU-Politik der Zweistaatenlösung vertreten. Es gab EU-finanzierte Schulbücher, die gegen Israel hetzen, oder Mittel für NGOs, die die israelische Politik als „ethnische Säuberung“ bezeichnen, wie z.B. das Palestinian Center for Human Rights , das 2004 fast 300.000 Euro von der EU erhielt. NGO-Monitor, eine israelische Gruppe, hat in diesen Fehlern anderer NGOs eine Marktlücke entdeckt und es sich zur Aufgabe gemacht, deren Vertreter auf der anderen Seite kritisch zu beobachten und anzuprangern.

Vor einigen Jahren hätte Samer Kokaly, ehemaliger Steinewerfer aus der ersten Intifada, mit Sicherheit durch keine noch so große Nachlässigkeit Gelder von der EU bekommen. NGO-Monitor gab es zwar noch nicht, aber er stand auf der schwarzen Liste der israelischen Regierung. Heute wird seine mittlerweile politisch-korrekte Arbeit international ausgezeichnet und finanziert. Kokaly organisiert in Beit Sahour nahe Bethlehem „sozialverantwortliche“ Aufenthalte in Palästina für die Alternative Tourism Group. Politisch interessierte Urlauber können in Familien um Bethlehem übernachten, mit Palästinensern und Siedlern sprechen und so einen unmittelbaren, unverfälschten Eindruck von der Besatzung erleben. Richard Gere und der Graffiti-Künstler Banksy saßen angeblich schon im Van der NGO. So etwas helfe mehr als Katjuschas, sagt Kokaly: „Unser Aufstand während der ersten Intifada war fast friedlich im Vergleich zu den Selbstmordattentaten. Trotzdem haben wir Steine geworfen, es sind Leute gestorben; auch einige Freunde von mir. Gewalt ist dumm, sie macht alles nur noch schlimmer. Aber ich kann die Wut der jungen Generation nachvollziehen.“

Falls Natasha voller Wut ist, so kann sie diese gut verstecken. Für diesen Sommer plant die palästinensische Friedensaktivistin ihre zweite Reise nach Deutschland, um dort an Schulen über die „palästinensische Sache“ zu sprechen. Von der ersten Reise war sie sehr angetan. Die Kinder waren interessiert und ergriffen, wollten wissen, was sie tun könnten. Was hat sie ihnen gesagt? „Sie sollen nach mehr Informationen verlangen. Sie sollen den Zeitungen schreiben, dass sie mehr erfahren wollen oder sie sonst als Kunden verlieren würden. You know: after all its business .”