Kann man der BBC noch vertrauen? – Seite 1

Weltweit genießt die BBC einen beinah mythischen Ruf. Belegt wird dies durch das Zitat, im Reich der BBC gehe „die Sonne niemals unter“, wie das amerikanische Magazin Time unlängst voller Bewunderung vermerkte.

Die Briten sind mit Recht stolz auf ihre BBC. Sie besitzen mit der BBC eine Institution mit global reach , die weltweit ungemeines Prestige genießt, die Sprache und Kultur ihre Landes verbreiten hilft und in gewisser Weise die mediale Ergänzung darstellt zum Anspruch des britischen Staates, auch als europäische Mittelmacht weiterhin eine globale Rolle zu spielen.

Die BBC ist die wohl einflussreichste und mächtigste Medienorganisation der Welt. Ihre Nachrichten und Informationssendungen gelten als zuverlässig und seriös. Dabei entgehen dem bewundernden Blick von außen leicht die Schatten, die das hehre Bild der Mutter aller öffentlich-rechtlichen Anstalten verdunkeln. Gewiss ist Kennern der internationalen Medienszene schon seit einiger Zeit bewusst, dass auch die BBC nur mit Wasser kocht und dass manches im Argen liegt.

Aber das Ausmaß des Unbehagens über die BBC dürfte auch sie überraschen. Was auch damit zu tun hat, dass der Medienindustrie Selbstkritik nicht leicht von der Hand geht. Es gilt weithin als unsolidarisch, eine journalistische Bastion wie die BBC zu kritisieren und damit ihre Aufpasserfunktion gegenüber der Politik zu schwächen.

Nun aber kommen selbst BBC-Fans nicht umhin, aufzumerken. Nach einer Sitzung des BBC Trusts am Mittwoch, des Aufsichtsgremiums der Corporation mit der gesamten Führungsriege unter Generaldirektor Mark Thompson gab dieser als Reaktion auf eine Serie von Skandalen einen drastischen Katalog von Maßnahmen bekannt, mit dem erklärten Ziel, das Vertrauen der Öffentlichkeit in Ehrlichkeit und Integrität der BBC wieder herzustellen. Dazu gehört die Suspendierung verantwortlicher leitender Redakteure, der Verzicht auf jegliche interaktive Programme und phone ins, wenn Zuschauer sich bei Telefon in einer Sendung beteiligen, die Schulung für alle Mitarbeiter, neue Verträge, in denen auf die Bedeutung hoher redaktioneller Standards hingewiesen wird – und nicht zuletzt eine unabhängige Untersuchung der Affäre um die verfälschende Werbung für eine Dokumentation über Königin Elisabeth.

Was war geschehen? Einmal hatte die BBC in verschiedenen Programmen die Zuschauer absichtsvoll getäuscht und getürkte Gewinner von phone ins, die oft selbst aus dem Redaktionsteam stammten, präsentiert. Das landesweit bekannte Jugendprogramm Blue Peter war dafür vergangene Woche von Ofcom, dem Regulator der Medienindustrie, mit einer Geldstrafe von 50.000 Pfund belegt worden. Ernster noch waren Fälle direkter Manipulation – einmal in einer Reportage über Gordon Brown, in der die Abfolge von Ereignissen geändert wurde, um eine griffige These zu erhalten; für Schlagzeilen sorgte besonders die Fälschung, die bei der Vorstellung des Herbstprogramms durch den Direktor von BBC 1 mit launigen Worten über eine "grantige" Königin präsentiert worden war. Am Schneidetisch hatte man ein Video erstellt, in dem fälschlicherweise behauptet wurde, die Queen sei aus einem Termin mit einer bekannten Fotografin grollend herausgestürmt – die verwendeten Bilder zeigten in Wahrheit die Ankunft der Queen.

Die BBC hatte sich zunächst mit dem Argument "einzelne menschliche Irrtümer" zu entschuldigen versucht. Bei genauerem Hinschauen wurde klar, dass es sich um ein tiefsitzendes Verhaltensmuster handelt, das im Spiel war. Das Zurückgreifen auf getürkte Gewinner von phone ins war vorgeplant; das Bearbeiten faktischen Bildmaterials am Schneidetisch erfolgt oft ohne jede Rücksicht auf Wahrhaftigkeit; einzig der Effekt zählt. Je dramatischer und knalliger, desto besser. Diese Haltung ist weitverbreitet in der Fernsehindustrie. Der Kampf um Einschaltquoten und um Erfolg wird immer erbitterter geführt; junge Redakteure empfinden oft gar kein Unrechtsbewusstsein mehr, wenn sie auf solche Methoden zurückgreifen. Sie haben eigentlich nichts anderes mehr gelernt.

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So findet sich denn die BBC inmitten einer tiefen Vertrauenskrise wieder. Sie muss sich die Frage vom linksliberalen Guardian gefallen lassen, ob man denn irgend etwas von dem glauben dürfe, was man im BBC-Fernsehen sieht. Dies trifft die BBC besonders hart, weil sie sich ohnehin in einer äußerst prekären Lage befindet: Auch ihr Ruf als unabhängige, überparteiliche Institution und verlässlicher Überbringer von Informationen ist so schwer angeschlagen, dass sie um ihren Bestand bangen muss.

In der letzten Maiwoche endete kurz vor 18 Uhr die PM -Sendung auf Radio 4 der BBC damit, dass die Moderatorin die E-Mails eines Hörers verlas, eine Übung, derer sich alle Radio- und Fernsehprogramme der BBC immer gründlicher befleißigen – es gilt als inclusive und demokratisch; natürlich entscheidet die Redaktion über das, was verlesen wird. Es handelte sich um einen Kommentar zur Entscheidung des Parlamentes, das "Freedom of Information"-Gesetz nicht auf die Kommunikation zwischen Abgeordneten und Bewohner ihres Wahlkreises anzuwenden. Dagegen versprachen die Parlamentarier ausdrücklich, ihre Kosten offenzulegen.
Im Verlauf des PM-Programmes war dieser Mehrheitsbeschluss bereits kritisch behandelt worden, nach dem Motto: seht her, die Volksvertreter wollen euch etwas verschweigen. Das Zitat des Hörers lautete: "Es hat sich erneut bestätigt, was wir eigentlich schon lange wissen. Im Parlament sitzt ein Haufen von crooks , von Betrügern, die nur daran interessiert sind, ihre eigenen Taschen zu füllen." Diesen Ausspruch, der faschistischer Verachtung für parlamentarische "Quasselbuden" nahe kommt, hielt ein Redakteur der BBC bestens dafür geeignet, eine wichtige Informationssendung zu beenden, eine Sendung, die selbst in abgeschwächter Form in die gleiche Kerbe haute wie der Hörer und die nicht fair und umfassend über die Motive der Unterhausabgeordneten berichtet hatte. Am gleichen Abend, in den Ten O’Clock News auf dem Fernsehkanal BBC 1, dem Gegenstück zur tagesschau , wurde ähnlich unvollständig und tendenziös berichtet. Helen Boaden, BBC-Direktorin für Television News , griff zum Telefon und kritisierte die Behandlung des Themas. Der Schaden war angerichtet; es blieb die Hoffnung auf Besserung.

Immerhin hat die BBC-Spitze bereits eines erkennen lassen: Sie weiß, dass ein ernstes Problem existiert. Es ist tief verwurzelt, wurde lange Zeit geleugnet bzw. nicht wahrgenommen und man hat jahrelang nichts dagegen unternommen. Nun ist Eile geboten. Das Problem könnte ansonsten das Ende des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einläuten.

Anzeichen, die auf die Existenz dieses Problems hindeuteten, gab es schon früh in der 80-jährigen Geschichte der BBC. Während des Zweiten Weltkrieges schrieb der Sozialist George Orwell über seine Erfahrungen, er sei bei der BBC von jenem Typus umgeben gewesen, „der eher aus dem Klingelbeutel stehlen würde als bei der Nationalhymne aufzustehen“. Heute würde man diese Haltung, die in medialen und kulturellen Milieus auch anderer europäischer Gesellschaften nicht unbekannt ist, vielleicht am besten als Ausdruck einer "Kultur des Selbsthasses" auf das eigene politische System deuten. Oft verbindet sich eine solche Einstellung mit dem Wunsch, unbequeme Realitäten auszublenden. Auch hier hat Orwell, der die Erfahrungen in der Bürokratie der BBC in seinen Roman 1984 einfließen ließ, mit Newspeak einen passenden Begriff dafür geprägt. Heute würde man von einer Sprache sprechen, gesäubert durch PC, durch "Politische Korrektheit", derer sich die BBC in den letzten Dekaden mit immer größerer Inbrunst hingegeben hat.

Wir müssen uns „der Fesseln der PC-Polizei entledigen“, erklärte unlängst ein Mitglied des Führungstabes des britischen Senders. Untersuchungen zeigen, dass sich eine immer tiefere Kluft auftut zwischen den Auffassungen des Publikums und denen, die in der BBC dominieren. Die Spitze der BBC ist zur Einsicht gelangt, dass die Dinge gefährlich aus dem Ruder gelaufen sind. Man kann nicht länger der Evidenz verschließen, dass sich durch die meisten Programme ein „linksliberales Vorurteil“ hindurch zieht. Andrew Marr, ein prominenter BBC-Moderator, vormals Chefredakteur der Corporation, formulierte es auf einer internen Konferenz so: die BBC sei „nicht unparteiisch und neutral; sie ist eine urbane Institution, durch öffentliche Gelder finanziert, in der abnormal viel junge Leute, Schwule und ethnische Minoritäten“ tätig seien. In ihr existiere nicht so sehr ein parteipolitisches Vorurteil, es handele sich vielmehr um „ein tiefverwurzeltes kulturelles, linksliberales Vorurteil.“

Noch 2001 hatte Andrew Marr, früher Chefredakteur des linksliberalen Independent, den Hinweis auf eine linke Schlagseite der BBC zurückgewiesen. Dabei brauchte man, wie Nick Cohen, linker Kolumnist des Observer, bemerkte, nur den Test machen und eine Position beziehen, die man selbst nicht unbedingt teile, die aber „von ernstzunehmenden Zeitgenossen mit guten Gründen“ vertreten würde. Zum Beispiel die, dass Abtreibung falsch, dass Tony Blairs liberaler Interventionismus im Prinzip richtig oder dass islamistischer Terrorismus nicht erst durch den Irakkrieg in die Welt getreten sei. Dann erweise sich rasch, dass fast alle BBC-Moderatoren „sehr schnell davon Abstand nähmen, Gegner dieser Auffassungen rigoros zu befragen“. Befürworter des „linksliberalen Konsenses“ würden dagegen behandelt wie die „Verkünder ewiger Wahrheiten“.

Es ist dieses linksliberale Meinungsmonopol in der BBC, das zutiefst irritiert und immer mehr auch linke und liberale Kritiker auf den Plan ruft. Der Chor ist letzthin mächtig angeschwollen. Über der BBC ging in den vergangenen Monaten ein Schwall des Unmutes nieder, der sich offenkundig über lange Zeit aufgestaut hatte und sich nun mit Macht Bahn bricht. Dazu gehören auch zwei Bücher, die mit dem Journalismus der Corporation abrechnen. Scrap the BBC ist eine scharf formulierte Abrechnung mit dem öffentlich-rechtlichen Moloch von Richard D. North, wobei der Titel „Schafft die BBC ab“ bereits die Schlussfolgerung verrät, zu der er gelangt. Die BBC sei in der existierenden Form nicht mehr zu retten.

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Der Titel des zweitens Buchs lautet Can we trust the BBC ?. Es ist das Fazit eines Journalisten, Robert Aitkin, der 25 Jahre in diversen Redaktionen der BBC gearbeitet hat, darunter im Today Programm von Radio 4, dem einflussreichsten Radioprogramm des Landes, das von enormer Bedeutung für den politischen und kulturellen Diskurs der Nation ist und dem sich kein britischer Politiker entziehen kann, wie sehr ihm die morgendliche Sendung auch missfallen mag. Aitkin beschreibt die Vorurteile, die die Programme der BBC durchziehen. Er habe sich mit seiner Auffassung, ein marktwirtschaftliches System funktioniere am besten und die Thatcherreformen seien notwendig und richtig gewesen, wie der Angehörige eines „exotischen Stammes“ gefühlt. „ You must be joking “, du machst einen Scherz, fragten ihn ungläubig BBC Kollegen, als er eine Debatte über dieses Thema vorschlug.

Am Morgen nach dem IRA-Attentat auf die Eiserne Lady, während des Parteitages der Tories in Brighton 1984, bei dem Margaret Thatcher nur durch einen Zufall mit dem Leben davon kam, habe er von Redakteuren der BBC mehrfach den Satz gehört, „schade, dass sie die Hündin nicht erwischt haben“; dabei habe es sich nicht einmal um den Versuch eines Witzes gehandelt. Die Sündenliste der BBC, die Aitken anführt, ist lang, gut belegt und deckt sich mit den Beobachtungen, die von anderen Kritikern angeführt und mittlerweile durch Untersuchungen bestimmter Einzelfelder bestätigt wurden, die die BBC-Führung wegen des wachsenden Drucks der Öffentlichkeit selbst in Auftrag gegeben hatte.

Die Programme der BBC spiegeln in aller Regel vehementen Antiamerikanismus und eine scharf antiisraelische Einstellung wieder, sie plädieren für mehr Staat und Steuern, Steuerkürzungen und eine geringere Staatsquote werden grundsätzlich für falsch gehalten; auch legt die BBC eine einseitig proeuropäische Haltung an den Tag und neigt dazu, die Gegner, sei es gegen die Mitgliedschaft im Euro oder gegen weitere Integration der EU, erst gar nicht zu Wort kommen zu lassen. Das Weltbild der BBC ist säkular und geprägt von antichristlichen Reflexen; zugleich wird in aller Regel alles unterlassen, was Muslime verletzen oder als Kritik am Islam gedeutet werden könnte. Weshalb selbst die Auseinandersetzung mit dem totalitären Islamismus unterblieb.

Rod Liddle, bis 2002 Chef des Prestigeträchtigen Radio 4-Programmes der BBC, beklagte schon während des Irakkrieges, den er im übrigen selbst ablehnte, die "völlig einseitige Berichterstattung" der BBC im Anlauf auf den Krieg und in den Monaten und Jahren danach, die in dem bitteren Zwist mit der Regierung Blair über das Waffendossier und die Gilligan/Kelly Affäre mündete. Was an die Beobachtung des SWR-Intendanten über die Irakberichterstattung der ARD erinnert: wir alle ließen uns von einem emotionalen Strom mitreißen, hatte Voß im Herbst 2003 kritisch angemerkt.

Der Konsens, der bei der BBC herrscht, wird als allgemeingültig betrachtet. Aitken schreibt in seinem Buch, dass er während seiner Zeit bei der BBC umgeben war von Redakteuren, die ihre Auffassungen für so selbstverständlich und richtig hielten, dass sie gar nicht auf die Idee kamen, irgend jemand, der bei gesundem Menschenverstand sei, würde ihre Grundauffassungen nicht teilen. In der Praxis kann das zu einem "totalitären Liberalismus" führen, der abweichende Stimmen und Meinungen nicht erlaubt. Das geschah zum Teil unbewusst, war häufig aber auch eine ganz bewusste Entscheidung.

Gar nicht selten werden mit voller Absicht unbequeme Wahrheiten verschwiegen, wenn sie dem Konsens zuwiderlaufen oder wenn man negative Folgen einer wahrheitsgetreuen Berichterstattung befürchtet. Selbstzensur, aus "guten Motiven" heraus, wurde von der BBC beim Thema Einwanderung und Asyl vorexerziert. Jeder noch so berechtigte Hinweis auf die riesige Zahl von illegalen und legalen Einwanderern wurde verschwiegen. "Immigration Watch", eine Organisation, die sich durch seriöse Zahlen und Informationen auszeichnet, fand lange Zeit in den Programmen der BBC kein Gehör. Erst nach dem Eingeständnis der Regierung, sie habe die Zahl der Zuwanderer aus den neuen Mitgliedsländern der EU um gut eine halbe Million unterschätzt und wisse nicht, wie viele illegale Einwanderer im Lande weilten, gab die BBC ihre Zensur widerstrebend auf.

Durch die Korridore von Broadcasting House weht die Ideologie des Multikulturalismus, oft verbunden mit einem moralischen Relativismus, der sich durch Geringschätzung, wenn nicht Ablehnung des eigenen demokratischen Staates auszeichnet. Die Ideologie des Multikulturalismus wurde inzwischen selbst von der „Kommission für rassische Gleichheit“ als gescheitert und kontraproduktiv erklärt; sie habe die "Gräben in der Gesellschaft vertieft und Integration verhindert", erklärte schon im Jahr 2004 Trevor Philips, der Vorsitzende der Kommission, selbst ein Einwanderer aus der Karibik. Er warnte davor, sehenden Auges in eine "ghettoisierte Gesellschaft abzudriften".

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Die Corporation wies stets eine gewisse Schlagseite auf. Junge Leute, die von den Universitäten kommen, sind zumeist idealistisch und links eingestellt. Doch sorgte der Ethos der Unparteilichkeit lange Zeit für ein Gegengewicht. Ein "kultureller Marxismus", der in der BBC Fuß fasste, trug dazu bei, dass im Lauf auf der Neunziger die relative Balance verloren ging. Generelle Medientrends, Sensationalisierung, Simplifizierung und Emotionalisierung, die überall in der Industrie um sich gegriffen haben, trugen das ihre dazu bei, den Trend zu verstärken. Verächtlichkeit für Politiker wurde zu einem hervorstechenden Merkmal eines "kritischen" Journalismus, der nur ein Ziel verfolgt, nämlich zu beschädigen, unlautere Machenschaften aufzudecken und der stets das schlimmste von Politikern annimmt: Why is the bastard lying to me ist der Geist, in dem häufig Politiker-Interviews in der BBC geführt werden. Diese Art von Journalismus trägt seinen Teil dazu bei, antipolitische Trends und Verdruss an der Demokratie zu erzeugen.

Anteil an der Entwicklung trugen ironischerweise interne Reformen, die Generaldirektor John Birt während der neunziger Jahre mit dem Ziel durchsetzte, die Redaktionen zu mehr Sachlichkeit zu verdonnern und zugleich die gelegentlich aggressive Arroganz bekannter Moderatoren wie John Humphries (Radio 4) und Jeremy Paxman (BBC 2) einzudämmen. Birt propagierte eine " Mission to explain "; er beendete die Trennung zwischen den Redaktionen von Nachrichten und " current affairs " und verlangte "Kontextualisierung" – es galt, Ereignisse in ihren Kontext zu stellen. Eine löbliche Absicht, die sich in der Praxis in ihr Gegenteil verkehrte: Das Ende der reinen Nachrichten führte zum weitverbreiteten editorialysing . Die Dominanz linksliberaler Auffassungen konnte ungehinderter als zuvor durchschlagen und erhöhte noch die Schlagseite der Programme. Für Andersdenkende, zumal Tories, die immer schon die BBC der Einseitigkeit bezichtigt hatten, aber auch für Labour und parteilich ungebundene Zeitgenossen, die an Fakten und unvoreingenommener Analyse interessiert waren, wurde die BBC mehr denn je zum Ärgernis.

Kürzlich hat die BBC ein bisschen verschämt einräumen müssen, dass die Kritik berechtigt ist. Eine Kommission legte nach einjähriger Arbeit einen Bericht vor, in dem eingeräumt wird, dass es den "linksliberalen Bias " in den Programmen der BBC gibt. In dem 80-seitigen Report, betitelt From Seesaw to Waggonwheel , "von der Säge zum Wagenrad", werden zwölf Thesen aufstellt, die der BBC helfen sollen, wieder den Weg zurückzufinden auf den Pfad journalistischer Tugend. Die BBC, heißt es darin unter anderem, müsse sich öffnen für die anderen Meinungen, Lebenserfahrungen und Ideen; Unabhängigkeit und Überparteilichkeit hätten für alle Programmsparten zu gelten. Zwar stellt der Bericht fest, man hätte keinen Hinweis auf "absichtsvolle Einseitigkeit" entdecken können. Aber Individuen würden eine "zumeist unbewusste Selbstzensur" ausüben, aus einem "fehlgeleiteten Wunsch heraus, in korrekter Weise zu denken". Die Programmmacher bewegten sich all zu oft in einer "Komfortzone", abweichende Auffassungen und Originalität würden dadurch oft erstickt. Auch bescheinigt der Report der BBC "Selbstzensur aus guten Motiven" heraus – Fakten, die nicht ins Weltbild passen, etwa über die Zahlen von Migranten, die ins Land gelangen, wurden nicht erwähnt.

Führende Persönlichkeiten der BBC werden in dem Report zitiert, die "Gruppendenken" und ein "linksliberales Weltbild" eingestehen. Stephen Whittle, für "Editorial Policy" zuständig, drückt die Sorge über einen Mangel an "intellektueller Neugier" aus. "Political Correctness" führe zu "langweiligen" Programmen, es müsse Raum bleiben für "leidenschaftliche und starke Meinungen".

Scharf kritisiert wird der Kampagnenjournalismus, den die BBC auf wichtigen Themenfeldern erlegen ist, wie 2005 bei Bob Geldorfs Live 8-Konzert und der Kampagne "Make Poverty History". Es sei unkritisch die Auffassung dieser Kampagne verbreitet worden und keiner anderer Auffassung Gehör geschenkt worden. Das dürfe sich nicht wiederholen. Kritisch angemerkt wird auch die Tatsache, dass die BBC die wissenschaftliche Debatte über das Klima für abgeschlossen erklärt hat und sich als Teil der Kampagne gegen den Klimawandel sieht.

Aus dem Bericht, vorsichtig formuliert, spricht nicht nur die Tatsache, dass die BBC-Leitung die Existenz eines Problems endgültig akzeptiert hat, nachdem man lange leugnete, das es existierte. Zugleich wird Sorge deutlich um die Zukunft der BBC und des öffentlich-rechtlichen Modells. Die Kritik ist ständig gewachsen, von allen Seiten, von Labourregierung wie konservativer Opposition. Bedenklicher noch: Viele Hörer und Zuschauer fühlen sich nicht mehr repräsentiert durch einen Sender, den sie durch ihre Gebühren finanzieren.

Was dagegen tun? Man müsse, meinte ein BBC-Direktor, der „Michael Moorification“ der Programme einen Riegel vorschieben. Was leichter gesagt als getan ist. Dokumentationen kommen oft gefährlich nah heran an die einseitig gestrickten, mittlerweile zahlreicher Fehler und Verfälschungen überführten Filme des amerikanischen Regisseurs. Ein beinahe noch größeres Problem existiert in Unterhaltungsprogrammen. Serien, Komödien und Thriller verkünden oft eine Botschaft, die weitaus folgenreicher in der Wirkung sein dürfte als die Inhalte von Nachrichtensendungen.

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Eindrucksvollen Anschauungsunterricht lieferte die Agentenserie Spooks : Bei den Spooks , Spionen, handelt es sich um Agenten des MI5, die sich mit allerlei unerfreulichen Gegnern des British way of life abzuplagen haben, die Terroranschläge vereiteln und düstere Umtreibe verhindern müssen. Die Serie ist hervorragend gemacht, der Einfluss des amerikanischen 24 ist unverkennbar: scharfe Schnitte, geteilter Bildschirm, der es erlaubt, die Handlungsstränge ineinander gleiten zu lassen, permanente Spannung. Man könnte meinen, die britische Realität liefere reichlich Material für reale Gefährdungen. Seit dem Ende des IRA-Terrorismus wird Britannien von Suizidbomben islamistischer Dschihadisten bedroht, wie die jüngsten, gescheiterten Attacken auf London und Glasgow sowie zahlreiche, vereitelte Versuche belegen, Massenmord zu begehen.
In der letzten Stafette von Spooks ging es denn auch dreimal um islamistische Terroristen. Doch siehe da, in zwei der Folgen entpuppten sich angeblich in Großbritannien geborenen al-Qaida Terroristen, die die saudische Botschaft besetzten und unschuldige Menschen ermorden wollten, als Undercover-Agenten des Mossad, des israelischen Geheimdienstes. Auch in der dritten Folge durften es keine Islamisten sein: Die Drehbuchautoren, ganz im Geiste der Verschwörungstheorien über den 9/11, richteten es so ein, dass es sich um das Komplott eines rechtsgerichteten Ministers mit Rechtsextremisten handelte, mit dem Ziel, ein Auffanglager für Immigranten in die Luft zu sprengen. Das Drehbuch hätten der iranische oder syrische Geheimdienst nicht besser schreiben können.

Vom Sinneswandel, der in der BBC Führung nun um sich greift, dürfte Spooks kaum berührt werden. Allein die lange Vorlaufzeit wird dafür sorgen und der generelle Mangel an Programmüberblick seitens der Hierarchie. Oft wissen die hohen Chargen der BBC nicht, was in den Programmen vor sich geht, die sie selbst kaum jemals anschauen. BBC-Direktoren konzentrieren sich auf den Versuch einer sanften Kurskorrektur zugunsten größerer Sorgfalt und Fairness. Vereinzelt sind bereits da und dort Ergebnisse zu besichtigen. Strittige innenpolitische Themen wurden in den Ten O’Clock News auf BBC 1 einige Male zugleich von einer linksliberalen und einer konservativen Kolumnistin abgehandelt; bislang tendierten BBC-Redakteure dazu, vor allem Kommentatoren linksliberaler Blätter wie Guardian und Independent einzuladen, die ihre Instinke, Vorlieben und Abneigungen teilen und die zu ihrer täglichen Lektüre zählt.

Helen Boaden, Direktorin für News, verlangt nun, Programme sollten "Meinungen und Stimmungen der Bevölkerung" stärker widerspiegeln. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Ein öffentlich-rechtlicher Sender lebt gefährlich, wenn er sich zu weit von den Lebenserfahrungen seines Publikums entfernt. Er darf sich nicht von Emotionen und Bauchgefühlen der eigenen Redakteure hinwegreißen lassen. Genau das aber ist zunehmend geschehen.

Sollte es der BBC nicht gelingen, die Mutation in einen elektronischen Tendenzbetrieb zu stoppen, wird sie die Grundlage ihrer Existenz gefährden. Die Gebührenfinanzierung, ohnehin bedroht durch Technologie und digitale Vielfalt, ließe sich nicht länger verteidigen. Noch genießt die BBC mehr Vertrauen als die Politiker. Aber das ist nur ein schwacher Trost. Das Vertrauen erodiert, wie Umfragen zeigen und es dürfte nach den jüngsten Ereignissen weiter sinken.

Die BBC-Spitze ist sich der Gefahr bewusst, die droht, ließe man die Dinge so weiter laufen wie bisher. Sie tut nicht länger, als ginge sie das Geschrei nichts an oder behauptet nicht, der "bias" existiere nur in der überhitzten Vorstellung konservativer Zeitgenossen. Sie hat die Warnung der Labourregierung, die das öffentlich-rechtliche Prinzip erhalten will, verstanden: Nach Jahren der Generosität wurde die BBC vor einigen Monaten mit einer mageren Gebührenerhöhung unterhalb der Inflationsrate abgespeist. Die Konservativen halten sich zur Zeit bedeckt und nehmen zum Konflikt um die Voreingenommenheit der Corporation nicht mehr offiziell Stellung. Sie wollen die mächtige BBC vor den nächsten Wahlen nicht unnötig gegen sich aufbringen. Doch dürfte eine Regierung Cameron ganz schnell die Pläne aus der Schublade ziehen, die ein Komitee unter David Elstein vor zwei Jahren im Auftrag der Partei erarbeitet hatte. Danach soll die Gebührenfinanzierung abgelöst werden durch andere Formen der Finanzierung, durch Abonnements und Werbung.

„Die BBC gefährdet ihre Existenz als öffentlich-rechtlicher Broadcaster“, schreibt John Lloyd, Direktor des „Reuters Institutes für das Studium des Journalismus“ an der Universität von Oxford. Er sagt voraus, die Politiker würden früher oder später ihre Angst verlieren vor der „mächtigsten Medieninstitution des Landes“. Nur wenn sich die BBC auf einen „schmerzhaften, offenen Prozess der Selbstprüfung“ einlasse, verdiene sie eine „beschützte Zukunft.“

Bei aller Kritik an der BBC gibt es nicht nur bei der Labourpartei genug Befürworter des öffentlich-rechtlichen Prinzips. Allein die BBC ist in der Lage, bei nationalen Ereignissen, ob sie Monarchie, Sport oder Politik betreffen, der Nation ein Gemeinschaftserlebnis und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu vermitteln. Selbst die schärfsten Kritiker vermögen der Corporation eines nicht absprechen: sie ist in vieler Hinsicht der kommerzielle Konkurrenz überlegen und vermag immer noch für großartiges Fernsehen und ernsthafte Radiokanäle zu sorgen, die der freie Markt nicht zu sichern vermag. Aber die BBC müsste Liberalität entdecken. Es geht nicht um "Überparteilichkeit" oder "Objektivität", die schwer zu messen und wahrscheinlich nicht zu verwirklichen sind. Es geht darum, ein Ende der linksliberalen Monokultur zu erreichen, es geht um eine neue Vielfalt von Meinungen und Stimmen.

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Das gleiche Anliegen sprach die New York Times 2005 in einer selbstkritischen Analyse aus, in der man zugab, Anliegen und Interessen von "Middle America" vernachlässigt zu haben. Die liberalen Medieninstitutionen an der Ostküste der USA, zu denen neben Washington Post und New York Times auch die großen TV Networks wie CBS und NBC zählen, haben diesen Teil der amerikanischen Bevölkerung weitgehend ignoriert und seine Werte – Familie, Religiosität und Patriotismus – eher verächtlich behandelt. Mit Murdochs Fox News stieß ein Sender gezielt in diese Marktlücke vor; seither wird Middle America mit einem äußerst robusten, oftmals hurrapatriotisch gestrickten Programm bedient, das nicht nach jedermanns Geschmack ist. Doch hat sich das liberale Medienestablishment der Ostküste dies in gewisser Weise selbst zuzuschreiben.

Könnte es sein, dass das Prinzip der Ausgewogenheit und Überparteilichkeit, zu der öffentlich-rechtliche Sender verpflichtet sind, preisgegeben wird zugunsten des Rechtes auch der elektronischen Medien, sich als Tendenzbetriebe zu etablieren, wie es die Printmedien tun? Auszuschließen ist das nicht. Die Diskussion darüber hat bereits begonnen. Sie wird an Fahrt gewinnen, wenn sich die Verhältnisse nicht drastisch ändern. Viele Redakteure der BBC und anderer öffentlich-rechtlicher Sender verstehen "liberal" einfach nur als "nicht konservativ". Stattdessen müsste es als "tolerant" und "offen" gedeutet und der totalitären Tendenz entsagt werden, die im linksliberalen bias immer deutlicher durchschimmert. Was einfacher gesagt als getan ist.

Die BBC versucht derzeit, dem pluralistischen Prinzip wieder Geltung zu verschaffen. Womöglich handelt es sich um den letzten Versuch, das öffentlich-rechtliche Prinzip im Zeitalter der digitalen Vielfalt doch noch aufrechtzuerhalten.