Machen wir uns nichts vor: Von den Alkohol und Absinth trinkenden Abenteurern der frühen Tourjahre, über die Morphinisten der 20er, weiter zum Siegeszug der Amphetamine in den 50ern und 60ern, bis zum EPO-Zeitalter der 90er und dem Gendoping der Zukunft – es gab zu keinem Zeitpunkt eine „saubere“ Tour. Sie ist ein Fantasieprodukt gewiefter Funktionäre und geschäftstüchtiger Werber, die genau wissen, was ihre Sponsoren wollen und brauchen: Strahlende Sieger und moderne Helden, die allein aufgrund herkulischer Anstrengungen Übermenschliches vollbracht haben.

Mit der Realität hat all das wenig zu tun. Schon 1910, als erstmals die Pyrenäengipfel bezwungen werden mussten, beschimpfte der spätere Toursieger Octave Lapize in einer düsteren Vorahnung die versammelte Tourleitung auf dem Col d’Aubisque mit den Worten: „Ihr seid alle Mörder!“ 1960 stürzte der favorisierte Roger Rivières auf einer Abfahrt in eine Schlucht und blieb den Rest seines kurzen Lebens querschnittsgelähmt (Rivières starb 1976 im Alter von 40 Jahren). In seinem Trikot fanden sich Amphetamine und starke Schmerzmittel, die seine Finger taub gemacht und die Reaktionsfähigkeit entscheidend herabgesetzt haben dürften.

Die Initialen von Rudi Altig, Deutschlands „Sportler des Jahres“ 1966, standen laut einem Tour-Arzt auch für „Rollende Apotheke“, weil sich in seinem Urin „schon mal zwölf verschiedene Arzneistoffe“ fanden. Der Bergkönig Marco Pantani sauste in den 90ern die schwersten Gipfel hinauf – wenige Jahre später lag er tot in einem Hotelzimmer, gestorben an einer Überdosis Kokain.

Anquetil, Thévenet, Merckx und wie sie alle hießen – kein einziger legendärer Fahrer war „sauber“. Bereits 1977 beantwortete Tourarzt Philippe Miserez die Frage nach gedopten Pedaleuren mit den Worten, man brauche nur „die Fahrer aufzählen, die im Ziel ankommen.“ Der große „Campionissimo“ Fausto Coppi (Gewinner der Tour 1949 und 1952) gab nach Ende der Karriere zu Protokoll, er habe nur gedopt, „wenn es nötig war“. Auf die Nachfrage, wie oft dies der Fall gewesen sei, antwortete Coppi: „Praktisch immer!“

Jacques Anquetil gewann fünf Mal die Tour de France, in den Jahren 61-64 siegte „Mâitre Jacques“ vier Mal hintereinander. Und er war jedes Mal voll bis obenhin. 1967 gestand er, Amphetamine, Koffein, Strychnin und andere aufputschende und schmerzstillende Mittel genommen zu haben. Auch mit Eigenblutdoping soll Anquetil bereits experimentiert haben. Bei körperlichen Einbrüchen habe er mit „zitternder Hand“ in seinen Dopingbeutel gegriffen, um sich seine „Stimulanzien“ selbst zu spritzen. Wer ihn des Dopings überführen wolle, so sagte Anquetil weiter, der brauche nur „meinen Hintern und meine Schenkel anschauen, die sind durchlöchert, wie ein Sieb.“

Anlass dieser Äußerungen war einer der tragischsten Vorfälle in der Geschichte der Tour. Am 13. Juli 1967 starb der Engländer Tom Simpson beim berüchtigten Anstieg auf den Mont Ventoux. Die mörderische Hitze, kombiniert mit einer dehydrierenden Durchfallerkrankung, Alkohol und Amphetaminen, die in seinen Trikottaschen gefunden wurden, hatten den Kapitän der englischen Mannschaft das Leben gekostet. Dort, wo Simpson tot vom Rad fiel, steht heute ein von seinen Kindern errichteter Gedenkstein. Es ist einer jener mythischen Kultorte des Radsports, der jährlich tausende von Fans und Hobbyfahrern anzieht, die dort Devotionalien in Form von Schweißbändern oder Trinkflaschen hinterlassen.