Harry muss weg. Fort aus dem ungeliebten Haus seiner Muggel-Verwandten. Nicht aus kindlichem Trotz, nicht aus pubertärer Rebellion, denn das hat er nach sechs Büchern, abertausend Seiten und Millionen Lesern hinter sich. Harry Potter wird 17, erwachsen. Deshalb erlischt der Zauber, der ihn all die Jahre vor dem dunklen Lord Voldemort in dem Reihenhaus beschützt hat. Und Voldemort, den die Ängstlichen "Du-weißt-schon-wer" nennen, ist diesmal besonders mordlustig: Bereits nach neun Seiten sackt - Avada Kedavra - die erste Leiche zu Boden. Voldemorts Schergen haben inzwischen die Zauberwelt unterjocht. Nach Hogwarts kann Harry nicht zurück. Kaum ein Ort ist mehr sicher. Kaum jemandem kann er trauen. Bloß einer Handvoll Freunden. Ron Weasley, Hermine Granger, Rubius Hagrid, Mad-Eye Moody, den alten Verbündeten. Sie holen ihn ab, umringt von einer Übermacht böser "Todesser".

Was für eine Flucht! Besenstiele schwirren, Flüche donnern, Menschen schreien, Körperteile fliegen – das neue, siebte und letzte Buch, Harry Potter und die Heiligtümer des Todes , ist das dunkelste und wohl auch gewalttätigste aus Joanne K. Rowlings Zauberschüler-Saga. Der allerletzte Kampf zwischen Harry und Voldemort. Der eine kann nur leben, wenn der andere stirbt, dröhnte es aus den Büchern zuvor. Harrys Mission in Teil sieben ist es, die sogenannten Horkruxe zu finden. Die Artefakte, in denen sein Erzfeind ehedem seine dunkle Seele einschloss. Nur wenn Harry diese zerstört, kann er Voldemort besiegen.

Nur seine Freunde Ron und Hermine sind eingeweiht. Hermine ist klug und Ron, ja, Ron ist eben Harrys bester Kumpel. Harry hat sich verändert. Seine Selbstzweifel sind weggefegt, zum Selbstmitleid bleiben ihm keine Mittagspausen mehr in seinem ehemaligen Zauberinternat. Harry ist so erwachsen, so verantwortungsvoll, dass es zuweilen kracht: "Eltern sollten ihre Kinder nicht verlassen, es sei denn, sie müssen", sagt er seinem Freund Remus, als dieser ihm seine Hilfe anbietet. Einen der Horkruxe spüren sie auf. Nebenbei befreien sie einige muggelgeborene Zauberer, denn im rassistischen Weltbild Lord Voldemorts haben sie keinen Platz, da sie nicht "reinen Bluts" sind. Danach herrscht Ratlosigkeit, man könnte auch sagen Rowling gönnt ihnen und sich eine Pause.

So irren die drei durch die Zauberweltgeschichte und Spannung und Tempo des Anfangs verfliegen schneller, als man Expelliarmus sagen kann. Sie zelten und grübeln, grübeln und zelten. In düsteren Wäldern, vor Friedhöfen, sonst wo. Endlose Seiten. Wenig fällt Rowling ein. Ihr gelingen bloß die immergleichen Erzählmuster: Draußen knacken Äste, flüstern fremde Stimmen und rauschen Bäume – Ach-du-Schreck – kommt Du-weißt-schon-wer gleich herein? Aber nein. Das Unheil dräut in weiter Ferne. Visionen schießen durch Harrys Kopf, er sieht Voldemort durch die Lande ziehen, foltern und töten. Erst brennt Harrys Narbe, dann die Luft: Ron packt wutschnaubend seine Sachen, weil er die Ideenlosigkeit, die Ereignisarmut im Zelt nicht erträgt. Und der Leser ist auch in Versuchung.

Doch es ist der letzte Band, der entscheidende. Einfach aussteigen, zuklappen, rausgehen, das geht doch nicht! Welche ungelösten Fragen ließe man zurück? Was wird jetzt aus Harry? Aus Hogwarts? Aus Voldemort? Ist der schmierige Severus Snape wirklich böse? Und wer stirbt (noch) alles? Zudem wissen Potter-Leser, die sich durch die Längen der anderen Bücher gekämpft haben, durch quälende Quidditchspiele und narkotisierendes Schulgeplänkel: Bald blitzen Rowlings kleine Wahnwitzigkeiten wieder auf. Das war bisher immer so. Und ist zum Glück auch dieses Mal so. Plötzlich wird die Potterwatch – ein Piraten-, pardon, Zauberersender aktiv, der die Magierwelt zum Widerstand aufruft. Eine neue Spielart von Rowlings politischer Satire. Neuer Esprit durchweht das Buch, alte Geheimnisse werden gelüftet. Harrys letztes Gefecht wartet in, jajaja, natürlich Hogwarts. Seine Schulfreunde sind dort längst Rebellen gegen Voldemorts totalitäres Regime. Sie stecken Prügel der neuen Lehrer ein und andere, schlimmere Strafen. Neville Longbottom, der seit Beginn der Romane stets tölpelige Schüler, wird endlich selbst zum Helden, er ist der Anführer einer Widerstandsgruppe. Sogar seine Haare seien länger geworden, heißt es. Das ist Rowling dem Klischee schuldig.