Wäre vor zehn Jahren ein europäischer Staatschef auf die Idee gekommen, dem als Schurkenstaat geltenden Libyen einen Atomreaktor zu bauen, dann wäre er seinen guten Ruf und möglicherweise auch sein Amt schnell losgeworden. Heute sieht die Lage anders aus: Libyen ist seit der Auslieferung der Lockerbie-Attentäter 1999 halbwegs rehabilitiert, und das Land hat beachtliche Öl- und Gasvorkommen. Da passt es ins Bild, dass beim Staatsbesuch des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in Tripolis ein Memorandum über die Lieferung eines Atomreaktors unterzeichnet wird. Mit Hilfe von Atomstrom solle künftig eine Anlage zur Entsalzung von Meerwasser betrieben werden, erklärte der Präsidentenberater Claude Guéant.

Es war das dritte Mal innerhalb von zwei Wochen, dass Gadhafi hohen Besuch aus Frankreich hatte. Zuvor war Cécilia, die Ehefrau des Präsidenten, zwei Mal nach Tripolis gereist, um sich in letzter Minute in die Verhandlungen über die bulgarischen Krankenschwestern einzumischen. Zwischen der Freilassung der von der Todesstrafe bedrohten Krankenschwestern und den insgesamt sechs Abkommen, die Frankreich und Libyen unterzeichneten, gebe es jedoch keinen Zusammenhang, betonte Sarkozy. «Wenn die Krankenschwestern nicht freigekommen wären, dann wäre ich nicht gekommen, das ist die einzige Verbindung», sagte Sarkozy in Tripolis.

Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gadhafi habe Sarkozy in der Pose eines alternden Rockstars empfangen, schreibt die Zeitung Le Parisien . Unrasiert, mit Sonnenbrille und einer großen Afrika-Plakette am weißen Anzug – so trat der jahrelang als Paria behandelte Staatschef selbstbewusst dem Franzosen gegenüber. Kurzerhand änderte er das Programm ab und zeigte seinen Gästen noch den bei einem Bombenangriff der USA 1986 beschädigten Präsidentenpalast.

Unabhängig davon, ob das Kernkraftwerk Teil eines Tauschhandels war oder nicht – die zugesagte Lieferung von Atomtechnologie in ein Land wie Libyen sei höchst riskant, meint die Umweltorganisation Greenpeace. «Auf dem Papier lässt sich leicht unterscheiden zwischen militärischer und ziviler Nutzung von Atomenergie. Aber die Technologie ist letztlich dieselbe», sagte Energie-Experte Frédéric Marillier. Frankreich sei rücksichtslos und unverantwortlich, wenn es Libyen helfe, Atomtechnologie zu entwickeln, um sich besseren Zugang zu den libyschen Rohstoffen zu verschaffen.

Sarkozy verteidigte das Abkommen. «Wenn man sagt, dass die arabische Welt nicht verantwortlich genug für die zivile Atomtechnologie ist, demütigt man sie», so zitiert ihn die Zeitung Le Monde . Schließlich habe Libyen 2003 versprochen, auf die Entwicklung von Atomwaffen zu verzichten.

Das Atomkraftwerk, das innerhalb von fünf oder sechs Jahren nahe Tripolis gebaut werden soll, ist ohnehin nur ein Teil der neuen Zusammenarbeit mit Libyen. Libyen habe außerdem Interesse an französischen U-Booten vom Typ Scorpène, Radaranlagen zur Überwachung der Grenzen und Militärhubschraubern vom Typ Tiger, schreibt Le Figaro . Und Frankreich sei wiederum an den libyschen Uran-Vorhaben interessiert. Angeblich lagern in Libyen 1600 Tonnen des wertvollen Materials, das für den Betrieb von Atomkraftwerken gebraucht wird.

( Ulrike Koltermann, dpa)