Vogtsburg, Ortsteil Oberbergen. Hier, inmitten der lieblichen Terrassenlandschaft des Kaiserstuhls, hat Franz Keller vor einigen Jahrzehnten eine Revolution angezettelt: Er war der erste deutsche Winzer, der Weine konsequent trocken ausbaute. Im Ort soll es deshalb sogar zu Handgreiflichkeiten und – schlimmer – der Titulierung als „Franzose“ gekommen sein.

Franz, der „Pionier vom Kaiserstuhl,“ ist diesen Sommer gestorben . Im kommenden Frühjahr werden demnach zigtausende von Weinflaschen in den Regalen des Billig-Discounters Aldi-Süd stehen, die mit dem Zusatz „consulted by Fritz Keller “ werben. Sohn Fritz, der schon Jahre vorher die Geschäfte übernommen hatte, sieht darin keinen Bruch mit der Tradition. Schon der Vater habe gefordert, dass es „einen Wein für jeden Tag, einen Sonntags- und einen Festtagswein geben muss, und alle müssen gut sein.“

In der Tat kann man Weine der Kellers schon für deutlich unter zehn Euro kaufen. Doch das Label steht gemeinhin für verfeinerten Sinnesgenuss zum entsprechenden Preis: Der „Schwarze Adler“ , Kellers Gasthof in der Ortsmitte, hat seit 1969 ununterbrochen einen Michelin-Stern. 1800 Weine finden sich auf der Karte, Kellers eigene Kreationen sind hoch dekoriert und so begehrt, dass erst einmal keine weiteren Weine aufgenommen werden.

Und so jemand macht mit Aldi gemeinsame Sache? Keller wiegt den Kopf, ehe es aus ihm heraussprudelt: Jede dritte Flasche Wein, die in Deutschland verkauft wird, gehe bei Aldi über die Ladentheke, sagt er. Und dass im heimischen Baden immer mehr Betriebe dicht machen müssten, weil sie dem Preisdruck nicht mehr standhalten könnten. Nur wenige Cent werfe zuweilen ein Liter für den Produzenten ab, „aber ein kleiner Traktor kostet dich 60.000 Euro.“ Insofern, sagt Keller, sei der Deal praktizierte Landschaftspflege, da mancher Betrieb dadurch vor dem Konkurs gerettet werde. Insgesamt 1000 Winzer werden demnächst zusammen einen hochwertigen Wein erzeugen, der wohl um die sieben, acht Euro kosten dürfte. Die Manager, so Keller, hätten eben gemerkt, dass immer mehr Kunden bis zu einer gewissen Grenze bereit sind, mehr für Qualität zu bezahlen. Dabei gilt die Supermarktkette der steinreichen Albrecht-Brüder in der Branche als knallharter Preisdrücker: Maximale Mengen sollen zu niedrigsten Gewinnmargen für die Erzeuger geliefert werden. Die willigen meist trotzdem ein: bei den riesigen Abnahmemengen bleibt dennoch etwas hängen.

Glaubt man Fritz Keller, sind die Aldi-Strategen in seinem Fall von ihrer Maxime abgerückt. Die Kalkulation habe er selbst vorgenommen, und dabei darauf geachtet, dass die Produzenten nicht zu kurz kommen. Es scheint, als sei es dem Konzern wirklich wichtig gewesen, einen ihrer traditionell größten Kritiker einzubinden. „Ich habe anfangs gezögert. Doch dann habe ich mir gesagt: Nicht meckern, besser machen.“

Bereits im kommenden Frühjahr soll ein Weißburgunder auf den Markt kommen, ein halbes Jahr später ein Spätburgunder folgen. Nur badische Winzer sind zugelassen. Die Qualitätskriterien sind streng: Der Ertrag pro Hektar muss bei weniger als der Hälfte der gesetzlich erlaubten Höchstmenge liegen, alte Reben sind Pflicht. Auch der Düngeeinsatz soll begrenzt werden, die traditionelle Maischegärung Aufnahmebedingung für jeden Winzer.

Fritz Keller, der gleichzeitig noch Vizepräsident der Deutschen Sommeliersvereinigung und des Zweitligisten SC Freiburg ist, gibt zu, dass er nach dem Aldi-Angebot anfangs schlecht schlief: „Eigentlich brauchte ich noch mehr Stress so dringend wie ein Loch im Kopf.“ Offenbar war schließlich das Sendungsbewusstsein stärker, mit dem Weintrinken, sagt Keller, sei es nämlich wie mit der Musik. Er selbst habe sich erst mühsam von der Volksmusik zum Jazz hocharbeiten müssen, „du wirst auch nicht zum Weinkenner geboren, du musst herangeführt werden.“ Die Aldi-Kunden dürfen hoffen.