"Dagegen!" Der schlaksige 16-Jährige löst den schwarzen Aufkleber von der Unterlage und pappt ihn unter einen gekreuzigten Jesus in Öl. Wenn man Alexej fragt, warum er die Arbeit des russischen Künstlers Alexander Charitonow nicht mag, sagt er bestimmt: "Da fehlt die Idee." Wer durch das Moskauer Museum Art4.ru streift, sieht und staunt: Neben vielen Exponaten kleben runde Sticker. "Sa" oder "Protiw" , ist da zu lesen. "Dafür" oder "Dagegen".

Art4.ru ist wohl das erste und einzige Museum, in dem Besucher über die Exponate abstimmen. Die Idee dazu hatte der Multimillionär Igor Markin. In weißem Hemd und kobaltblauer Jeans sitzt der Kunstsammler vor dem Computer, das blonde Haar fällt ihm über die Schultern, alle paar Minuten klingelt sein Mobilnik . Das russische Kunst-Magazin Art Chronika zählt ihn zu den 50 einflussreichsten Persönlichkeiten der heimischen Kunstszene. In diesem Sommer hat der Moskauer sein Privatmuseum eröffnet. Eine Viertelstunde Fußweg vom Kreml entfernt, in einer verkehrsberuhigten Seitenstraße, zeigt er russische Kunst der Gegenwart. Von der Mehrheit abgelehnt: die Aufnahmen des russischen Fotokünstlers Boris Michailow© Carmen Eller

Dazu hat Markin neue Spielregeln erfunden. Jeder Besucher erhält mit der Eintrittskarte die zwei Bewertungssticker Sa und Protiw . Die Kunst hängt nicht nur in den schlichten weißen Räumen, sondern auch in den Fenstern zur Straße. Man darf überall Kaffee trinken und telefonieren und auf der Toilette mit bunten Markern die Wände bekritzeln. Die Sportlichen steigen auf das museumseigene Skateboard und sausen durch die Gänge - vorbei an rund 300 Exponaten, zu denen man jedoch weder Künstlernamen noch Entstehungsdatum erfährt. Diese Informationen soll der Besucher selbst recherchieren - an Laptops, die - so viel Missstand darf sein - erst in Kürze aufgestellt werden. Bislang beantworten Mitarbeiter die Fragen. "Der Betrachter soll sich bei uns nicht auf die Worte konzentrieren, sondern auf das Werk", erklärt Markin die Idee.

Der 40-Jährige ist gelernter Radioingenieur und kam in den Neunzigern mit dem Vertrieb von Kühlschränken und Fensterläden zu Ruhm und Rubeln. Wie im Geschäftsleben überlässt er auch in der Kunst nichts dem Zufall. "Das Art4.ru muss anders sein", betont er und lehnt sich im Stuhl zurück. Anders vor allem als die altehrwürdige Moskauer Tretjakow-Galerie! "Dort pfeifen schlecht gelaunte Babuschkas Besucher zurück, die den Kunstschätzen zu nahe kommen, ihre Kamera zücken oder am Handy quasseln", sagt Markin. "Dort herrscht einfach eine negative Atmosphäre." Und deshalb müsse sich die russische Museenlandschaft grundsätzlich verändern. "Wir starten diese Reform. Mit einem liberalen Museum." Igor Markin sieht sich gerne als den modernen Tretjakow, den berühmten Kunstmäzen des russischen Zarenreichs© Carmen Eller

Genri Morgan soll ihm dabei helfen. Der Direktor des Art4.ru, ist für Markins Museum zu etwas wie einem Markenzeichen geworden. Er ist gerade mal 29 Jahre alt, trägt die Haare zur Hälfte geschoren und machte in der russischen Variante der internationalen Weblog-Plattform LiveJournal auf sich aufmerksam - weniger mit Gedanken über Kunst als mit witzigen Enthüllungen aus seinem Privatleben. Im Netz knüpften er und Markin auch ihren ersten Kontakt. "Rund 90 Prozent unserer Mitarbeiter wurden über LiveJournal rekrutiert", sagt Morgan. Er selbst hat im übrigen sein Pseudonym aus dem Internet zu seinem Namen im realen Leben gemacht. Früher arbeitete Morgan als Laden-Manager in verschiedenen Moskauer Computer-Geschäften, im Art4.ru macht er einen Job zum ersten Mal nicht nur des Geldes wegen. "Ich möchte hier alt werden", sagt er und lächelt. "Unser Museum soll für junge Leute genau so attraktiv sein wie ein Film oder eine gute Kneipe", wünscht sich Morgan. Der Eintritt kostet mit 200 Rubeln deshalb auch in etwa so viel wie eine Kinokarte und das Museum ist am Wochenende bis Mitternacht geöffnet. Jeden Freitagabend wird gefeiert. Ein DJ legt auf, die Gäste nippen an Wodka und tanzen durch Markins kleine Welt der Kunst. Auch Morgan mischt sich dann unter die - nun ja - Besucher. "Kunst ist wie Musik", schwärmt er. "Je öfter man ein Lied hört oder ein Gemälde sieht, umso besser kann es einem gefallen."

Stolz über das jugendliche Publikum spricht auch aus Sammler Markin: "Zu uns kommen mehr junge Leute als in andere Museen." Das mag angesichts des Happening-Charakters nicht wirklich verwundern. Von September an will er kostenlose Führungen für Schüler anbieten. Eine ständige Sammlung soll es nie geben, Markin tauscht die Exponate immer wieder aus. "So bleibt es interessanter", sagt er. Rund 100 Künstler sind im Art4.ru vertreten, der Museumskatalog liest sich wie ein Who is Who der russischen Gegenwartskunst. Erik Bulatow, Igor Makarewitsch und Oleg Kulik gehören zur illustren Sammlung.