Jetzt ist der Sündenbock also gefunden und die Aufarbeitungsmisere beim Namen genannt: Marianne Birthler. Die Hüterin der Stasiakten wurde gestern früh auf allen Radiokanälen als Inkarnation einer Vergesslichkeit vorgeführt, die mit allgemeiner Verharmlosung der DDR-Geschichte Hand in Hand gehe. Birthler behauptet, sie habe erst nach der lautstarken Veröffentlichung der berühmten Schießbefehl-Akte erfahren, dass es dieses Beweises nicht bedurfte. Er war nämlich längst veröffentlicht. Nur leider wieder in Vergessenheit geraten. So als hätte er nie existiert. "Dass das Dokument bekannt war", sagte Marianne Birthler in der Freitagsausgabe der Welt , "habe ich erst im Nachhinein erfahren."

Ach wirklich? Die prominenteste hauptamtliche DDR-Aufarbeiterin dieses Landes glaubte, dass es für den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze noch immer eines aktenmäßigen Beleges bedurfte? Das konnten viele Kommentatoren sich schon vor Marianne Birthlers Eingeständnis schwer vorstellen. Deshalb prügelten sie sofort auf die Stasiunterlagenbeauftrage ein und unterstellten arglistige Täuschung um einer Sensation willen. Birthler habe, so hieß es, durch einen getürkten Medienscoop die zweifelhaft gewordene Existenz ihrer Behörde rechtfertigen wollen. Den Eindruck erwecken, da schlummerten noch spektakuläre Akten im Bestand.

Ach wirklich? Warum muss das Stasiarchiv eigentlich seine Existenz rechtfertigen? Warum sollte diese ausgerechnet von Sensationsfunden abhängen? Warum genügt nicht das Informationsbegehren der ganz unspektakulär Bespitzelten? Und warum waren soviele Redakteure bereit, eine Ente als Topmeldung des Tages zu verkaufen? Weil auch sie, behauptet Marianne Birthler, sich an gewisse Beweisstücke nicht mehr erinnerten.

Ach wirklich? Wahrscheinlicher, als dass die Redakteure aus Vergesslichkeit den Scoop glaubten, ist doch, dass sie an ihn glauben wollten. Weil das Verbreiten von Neuigkeiten nunmal ihr Geschäft ist. Leider gibt es davon nicht genügend, um tagtäglich, allwöchentlich all die Fernsehprogramme und Zeitungsseiten zu füllen, und so muss das längst Bekannte zu etwas Unerhörtem umgelogen werden. Die neualte Schießbefehl-Akte jedenfalls beweist, dass die medientypische Hysterie, die peinliche Jagd nach dem Scoop, längst auf andere Diskurse übergegriffen hat, auf die Politik ebenso wie auf die Wissenschaft. Alle wollen ihr Publikum am laufenden Band verblüffen, neue Botschaften in die Welt hinaus posaunen. Niemand reißt sich um die schwierige Aufgabe, die Wirklichkeit (in diesem Fall die Geschichte) in ihrer Banalität erfahrbar zu machen.

Das hätte geheißen, die geschäftsmäßige Brutalität der aufgefundenen Dienstanweisungen als damals herrschende Normalität zu beschreiben und nochmals nachzufragen, wie bereitwillig solche und ähnliche Befehle von den Adressaten befolgt wurden, wie die Befehlsempfänger heute ihre damalige Dienstbeflissenheit bewerten, und ob vielleicht auch in unserer schönen freien postsozialistischen Welt gelegentlich Konflikte zwischen staatlicher Norm und persönlicher Moral aufklaffen. Für die Beantwortung solcher Fragen allerdings braucht man Zeit, und die scheint selbst die Birthler-Behörde nicht mehr zu haben.