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Wenn es um die Aufarbeitung der DDR geht, befindet sich die deutsche Öffentlichkeit nach wie vor im Schützengraben. Triumphierend wiederholten allerlei Kommentatoren in den vergangenen Tagen die trivialste aller Kenntnisse über den realsozialistischen Staat im Osten: Er war eine Diktatur. Mit dieser Feststellung aber endet die Diskussion nicht, wie es viele gern hätten. Im Gegenteil: Sie steht am Anfang jeder Auseinandersetzung über die DDR.

Dass die Deutschen erschreckend wenig über diesen vergangenen Staat wissen, zeigte eine jüngere Umfrage. Sieben Prozent aller deutschen Gymnasiasten glauben, Erich Honecker sei der zweite deutsche Bundeskanzler gewesen. Man darf annehmen, dass diese Zahl noch höher ausgefallen wäre, hätte man nur westdeutsche Schüler befragt.

Deutschland hat eine offene Debatte über sein jüngeres Erbe bitter nötig. Vielleicht ist die Zeit noch nicht reif dafür, brauchen die Deutschen noch einige Jahre Abstand, um einzuschätzen, welche der oft grotesken, hin und weiter heiteren, häufig auch grausamen Erfahrungen sie in den Rucksack packen wollen. Sicher aber ist: Es reicht nicht, die DDR nur als kommunistischen Unrechtsstaat zu kennzeichnen. Das war sie, ohne Frage. Sie ist aber auch die kulturelle, politische und soziale Herkunft jedes fünften Deutschen.

Michael Lühmanns Beschreibung revisionistischer Netzwerke wie der edition ost mag deshalb zwar zutreffen. Er holt aber weiter aus und prangert in seinem Artikel auch eine "Verharmlosung" der DDR im MDR an und meint damit - zugegeben unwissenschaftliche - Sendungen, etwa über Freizeit und Sexualität im SED-Staat. Die Behauptung jedoch, es sei auch diese Art der DDR-Aufarbeitung, die die Befürworter der Demokratie in den neuen Bundesländern in die Minderheit gebracht habe, geht vollends an der Sache vorbei. Sie entspricht im übrigen genau jener Art der Vergangenheitsbewältigung, die in den vergangenen siebzehn Jahren tonangebend war und dem Muster folgt: alles, was mit der DDR zu tun hat, ist von Übel, weil sie eben eine Diktatur war. Das muss man den Menschen nur oft und lange genug erklären. Wer so denkt, nimmt an, dass es reine Propaganda ist, etwas einfach Abzuschaltendes, das die Ostdeutschen so renitent macht und ihren Geist vernebelt. Dass nur endlich die Wirtschaft in Gang kommen muss, damit die Ostdeutschen sich endlich als zugehörig begreifen. Es ist aber viel komplizierter.

Lührmann verwechselt Ursache und Wirkung. Es sind nicht solche Sendungen wie im MDR, die bei vielen Ostdeutschen einen nostalgischen Blick zurück entstehen lassen. Sie spiegeln vielmehr das Bedürfnis nach kultureller Selbstvergewisserung wider. Was wiederum einiges damit zu tun hat, wie radikal die deutsche Einheit das Leben der ehemaligen DDR-Bürger verändert hat. Im übrigen trägt wohl auch die Abwesenheit der Westdeutschen in diesem Diskurs dazu bei, dass dieser Erinnerung bisweilen glorifizierend und manchmal auch entschuldigend wirkt. Warum eigentlich befassen sich westdeutsche Sender und Zeitungen nur mit DDR-Themen, wenn sie mit Mauer, Stasi und Stacheldraht zu tun haben? Weil alles andere kitschige Propaganda ist? Oder doch, weil derartiges das westdeutsche Publikum langweilen würde?

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Das Desinteresse der BRD-Deutschen hat die DDR-Deutschen von Anfang an begleitet. Und den positiven Rekurs auf die DDR verstärkt. Viele erinnern sich unbehaglich an die Zeit nach der Wende, an die überlegene Haltung vieler Westdeutscher, an den Komplex, die falsche Kleidung zu tragen und das Falsche zu sagen. Wen wundert es vor diesem Hintergrund, dass viele Ostdeutsche selbstbewusster mit ihrer Vergangenheit umgehen möchten, trotz Willkür und Diktatur? Lühmanns Verdacht, hier solle die DDR rehabilitiert werden, ist oberflächlich und polarisierend, vor allem, wenn er diese notgedrungen selbst organisierte Vergangenheitsbewältigung gleichsetzt mit der Ablehnung demokratischer Spielregeln.

Lührmann sieht diese Kräfte nicht nur in den Medien, sondern auch in der Geschichtswissenschaft am Werk. Die Analyse der Alltags- und Sozialgeschichte sei ein Beitrag zur Verniedlichung der DDR. Dazu muss man wissen: Fast alle heute in der DDR-Forschung tätigen Historiker sind entweder Westdeutsche oder nach der Wende promovierte Ostdeutsche. Nur ausgesprochen wenige DDR-Historiker sind heute noch wissenschaftlich aktiv. Die DDR-Forschung hat in den neunziger Jahren ideologisch motivierte Grabenkämpfe hinter sich gebracht, die heute weitgehend überwunden sind. Im Kern drehte es sich bereits damals um die Frage, ob denn politische Herrschaft oder soziales Gefüge und Lebenswelten der DDR untersucht werden sollten. Heute ist klar: Beides gehört zur seriösen Aufarbeitung, nicht nur die Herrschaftsgeschichte, sondern auch den Alltag im ostdeutschen Staat. Was soll auch falsch daran sein, Freizeitleben, soziale Netzwerke, Sexualität und Subkultur unter den Bedingungen einer Diktatur zu erforschen?

Noch immer wechseln sich Desinteresse und Paranoia ab, wenn die deutsche Öffentlichkeit sich mit dem Osten befasst. Wie oberflächlich die Aufregung der vergangenen Tage war, zeigt die Reaktion von SPD-Chef Kurt Becks, der die Möglichkeit ergriff, anlässlich der Debatte um den Schießbefehl endlich einmal die Linkspartei in Defensive zu drängen, indem er von ihr eine klare Distanzierung von der SED-Diktatur verlangte. Ähnlich hörten sich die Stellungnahmen der anderen Parteien an. Weitere Vorschläge? Fehlanzeige. In wenigen Tagen wird das Thema niemanden mehr interessieren, bis zur nächsten Stasi-, NVA-, SED-Entüllung. Die Diskussion über unsere neue deutsche Identität wird wohl die nächste Generation führen. Vorerst bleiben die Visiere geschlossen.