Auf beiden Seiten fehlen namhafte Stars wegen Verletzung. Beckhams Knöchel ist angeschlagen, das wird ihn zu einem noch gemächlicheren Tempo auf dem Spielfeld zwingen. Die Saison hat gerade erst begonnen, in ein paar Wochen geht es in den Qualifikationsspielen für die Europameisterschaft wirklich um etwas. Eigentlich genug gute Gründe, dem Länderspiel zwischen England und Deutschland keine große Beachtung zu schenken.

Doch vor allem die englischen Fußballfans sehen das offenbar ganz anders. Das neue Wembley-Stadion ist längst ausverkauft. Der Grund ist simpel: Es geht gegen den alten Rivalen Deutschland, den liebsten aller ehemaligen Feinde. Da macht es kaum einen Unterschied, ob es sich nur um ein Testspiel handelt oder ein Weltmeisterschaft-"Schicksspiel" ansteht. Begegnungen zwischen den beiden Nationalteams bergen immer viel Zündstoff in sich.

Irgendwie passt es ins Bild, dass selbst die Regierungschefs beider Länder diesem Spiel die Ehre ihrer Anwesenheit erweisen. Wobei allerdings im Fall des frischgebackenen Premiers Gordon Brown wohl ein anderes Motiv den Ausschlag gab: Als Schotte hat er allen Grund, sich um die Stimmen englischer Wähler zu sorgen. Weshalb er bereits im vergangenen Jahr ausdrücklich die englische Mannschaft während der WM unterstützte, was dem Team allerdings nicht sehr viel weiterhalf.

Das Verhältnis zwischen dem Inselvolk und den Deutschen war selten spannungsfrei, nicht nur im Fußball. Wobei die Engländer, besser gesagt, ihre Presse und die englischen Fans, sehr genau wissen, wie man die empfindliche deutsche Seele zumindest ein bisschen irritieren kann - bei aller Freundschaft, versteht sich. Die Weltmeisterschaft 2006 hat den deutschen Fußball in ihren Augen zwar enorm aufgewertet; es ist nicht einmal vermessen, wenn man behauptet, dass die deutsche Mannschaft unter Klinsmann und Löw die Art Fußball bot, die sich Englandfans vom eigenen Team vergeblich erhofften.

Aber das heißt nicht, dass die englischen Fans den Gästen aus Deutschland nicht den bewährten gesanglichen Slogan "One Worldcup and two Worldwars" entbieten und damit elegant die Kurve nehmen würden zwischen fußballhistorischer Zwischenbilanz und der Geschichte anderweitiger Begegnungen beider Nationen. Was haben wir Deutschen dem entgegenzusetzen? Drei WMs, zwei Europameisterschaften und zahllose Finalauftritte wiegen gewiss schwer. Aber letztlich zählen die dunklen Kapitel der Geschichte doch schwerer als alle Erfolge auf dem Fußballfeld.

Das wissen die Engländer. Und sie kennen unsere Sensibilität, wenn Fußball und Weltkrieg in einem Atemzug genannt werden - weshalb sie es um so lieber tun. Wobei wir sie dezent daran erinnern sollten, dass ihr einziger Erfolg, Wembley 1966, auf einem dubiosen Tor beruht, das Wissenschaftler der Universität Cambridge kürzlich endgültig für irregulär erklärt haben, in bester britischer Fair-Play-Tradition.