Diese Reise begann mit einem Schicksalsgefühl: Jetzt oder nie! Es gibt im Leben ein Zuspät. Fairport Convention, die Urmutter des britischen Folkrock, vollendete eben ihr viertes Jahrzehnt. Zum Bandjubiliäum ehrte die BBC das 1969er Album Liege & Lief als beste Folk-Platte aller Zeiten. Alljährlich, am zweiten Augustwochenende, feiert die Fairport-Gemeinde im mittelenglischen Cropredy ein familiäres Festival. 2007, meldete die Website, werde Liege & Lief gespielt, komplett und in Originalbesetzung.
O Donnerwort. Das klang, als kehrten die Beatles zurück, um ihr weißes Album aufzuführen. Auf nach Cropredy – jetzt oder nie!

Zeit ist eine Linie , Geschichte ein Kreis. Zukunft bedeutet Altern, der Fortschritt fährt Karussell. Derlei Lebensweisheit hatte man als junger Kerl noch nicht erlitten, zumal als Rockfan in der DDR. Die ungezähmte Musik, die per Westradio über die Grenze stürmte, weitete die kleine Stadt am Harz. Jimi Hendrix, John McLaughlin, die Allman Brothers Band – das ließ die Haare wachsen, stärkte den Wildermut, machte den Trotzkopf hart.

Dies war nicht nur die Epoche der Gitarrengötter, die nie Gehörtes schufen. Anfang der Siebziger lebte der Folk wieder auf, und diese Musik klang, als wäre sie schon immer dagewesen. Rock machte stärker, Folk machte weiser. Moderatoren wie Tom Schroeder und Volker Rebell vom Hessischen Rundfunk beförderten Folkies zu Stars der Jugendsendung Rumms! und spielten Planxty, Gryphon, Pentangle, The Watersons... Toll waren auch Steeleye Span, die, wie Schroeder lehrte, aus Fairport Convention hervorgegangen seien. Ian Matthews´ Southern Comfort: ein Fairport-Ableger. Richard Thompson: Fairports erster Gitarrist... Die Band schien ein ähnlicher Katalysator wie Miles Davis im Jazz und John Mayall im britischen Blues.

Fairports Musik hatte zwei Seiten. Die wilden fiddle-tunes , die Jigs und Reels : Tanzmusik. Aber da war diese Sängerin voll purster Melancholie, Sandy Denny, die traurigste Stimme unter der Sonne – falls sie die Sonne kannte. A Sailor's Life zu Richard Thompsons Seelen zersägender Gitarre, das über den Abgrund gehauchte Farewell, Farewell , die Liebesverzweiflung des Crazy Man Michael , das Abschiedslied für Maria Stuart, vor deren Hinrichtung auf Schloss Fotheringay: Tomorrow, at this hour / she will be far away / much farther than these islands / for the lonely Fotheringay... Trolle, Elfenköniginnen, sprechende Raben bevölkerten die dunklen Wälder dieser Songs. Die Gegenwart lieh sich historische Gewänder und sprach aus anderen Räumen. Deutsche, deren Blaue Blume der Romantik die Nazis zu Braunkohl gemacht hatten, musste dieser freie Rückgriff in die Vorzeit besonders betören. Timestop , Zeitauflösung, Verewigung, das ist die Metaphysik des Folk.

Sandy Denny starb am 21. April 1978, schwanger und wohl angetrunken, nach einem Treppensturz. Fairport Convention hatte sie bereits nach Liege & Lief verlassen; später war sie nochmals kurz zurückgekehrt. Ich hörte Fairport Convention erstmals 1993 in London, in einem brechend vollen Pub namens Halfmoon Putney. Von Sandys Mond- und Todessüchten erklang an diesem Abend nichts. Der Laden barst vor trunkener Ekstase, die Musiker mittendrin. Pint um Pint begriff ich den Slogan: Fairport Convention did for real Ale what the Grateful Dead did for LSD .

Die Reise nach Cropredy fühlt sich an wie eine Heimfahrt, obwohl sie nach England führt. Von London/Marylebone Station geht der Zug in Richtung Birmingham. Ein freundliches Paar sitzt gegenüber, Sophana und Brian. Im Fenster erscheint das neue Wembleystadion. Es bleibt nicht aus, dass nun eine 41-jährige Geschichte verhandelt wird: Sir Geoffrey Hursts 3:2 im Fußball-WM-Finale 1966 gegen die BRD. Als Kind und wohl einziger Germane außer Bundespräsident Lübke hat der Reporter den Ball hinter der Linie gesehen. Dieses deutsche Geständnis begeistert. In der Kleinstadt Banbury, ein Stündchen nördlich von London, erwartet Brians Vater Peter den Sohn und die Schwiegertochter mit dem Wagen. Und chauffiert den Reporter nach Cropredy.