Fast zwei Millionen Kinder unter 14 Jahren sind in Deutschland von Hartz IV abhängig. Eine traurige Rekordzahl. Sie stammt zwar schon aus dem März, hat aber erst jetzt für mediales Aufsehen und eifrige Überlegungen in den Koalitionsparteien geführt, was dagegen getan werden kann und sollte. Die CDU, neuerdings sozialdemokratischer als die SPD selbst, marschiert wieder einmal voran.

Das Faktum ist keineswegs neu: Seit langem, auch schon vor den Sozialreformen, nimmt die soziale Ungleichheit in Deutschland zu und wächst die Zahl der Menschen, die in dieser Wohlstandsgesellschaft nur ein kärgliches Auskommen haben, oft mit Hilfe von Sozialtransfers. Eines der größten "Risiken", arm zu werden oder zu bleiben - auch dies ist nicht neu -, sind Kinder. Deshalb verwundert es nicht, dass Alleinerziehende, Kinder und Kinderreiche so zahlreich unter den Hartz-IV- und Sozialhilfeempfängern zu finden sind.

Verwunderlicher ist die aufgeregte Reaktion der Koalitionsparteien. Schließlich waren es Union und SPD, die gemeinsam die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe beschlossen haben. Das Ziel (nicht eine unbeabsichtigte Nebenfolge) war, die Leistungen für Millionen zu senken. Damit sollte der Druck auf die erwerbsfähigen Sozialhilfeempfänger erhöht werden, sich eine Arbeit zu suchen. Dass darunter auch die Familien und Kinder der Betroffenen leiden, wurde als Kolateralschaden bewusst in Kauf genommen.

Nun kann man darüber streiten, ob dieser Ansatz richtig war. Man kann ebenso lange darüber diskutieren, wo Armut beginnt und ob die Zahl der Armen in Deutschland tatsächlich zugenommen hat; oder ob sie durch die Reform nur klarer ausgewiesen wird. Schließlich waren ja Kinder und Alleinerziehende auch vorher schon eine der Hauptgruppen der Sozialhilfebezieher. Daran hat sich nichts geändert. Und dass die Zahl der Empfänger von Arbeitslosengeld II und Sozialhilfe zusammengenommen gestiegen ist, kann man auch so werten, dass nun manche staatliche Leistungen bekommen, die vorher nichts bekamen oder sich nicht trauten, einen Antrag zu stellen. Womöglich hat die absolute Armut also sogar abgenommen. Darauf deutet auch hin, dass die staatlichen Gesamtzahlungen von immerhin mehr als 40 Milliarden Euro pro Jahr weit höher liegen als vorher kalkuliert.