Eigentlich hätte Marco Marmo bei der improvisierten Geburtstagsfeier von Tommaso Venturi nicht dabei sein dürfen. Es war ein fataler Zufall, dass es doch so gekommen ist. Denn Marco Marmo hatte mit den anderen Opfern nicht viel gemein, auch wenn die Medien sensationshaschend von der "neuen schießwütigen Garde der 'Ndrangheta" spricht. Der korpulente Marco Marmo war nämlich ein schweres Kaliber in der Hierarchie der kalabrischen Mafia.

Das wussten auch die anderen Opfer, mit denen er bis nach zwei Uhr den Geburtstag des 18-jährigen Venturi gefeiert hatte. Marco Marmo war ein gestandener Boss und konnte mit seinen erst 25 Jahren schon auf eine beachtliche Karriere innerhalb der 'Ndrangheta zurückschauen. Er arbeitete formell zwar in San Luca in einer kleinen Fensterfabrik. Doch er gefiel sich in der Rolle des tollkühnen Clan-Mitglieds, der sich auch spendabel zeigte. Er war wenige Tage zuvor aus San Luca nach Duisburg gekommen und war einer der wenigen Mitglieder der Pelle-Romeo-Clan, die sich noch frei bewegen konnten - wenn auch stets unter wachsamer Beobachtung. Alle anderen wichtigen Mitglieder waren bereits untergetaucht.

Für die Ermittlungsstellen war Marco Marmo längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. So hatte Marmo einige Schecks reinzuwaschen versucht und war wegen schweren Diebstahls verurteilt worden. Doch das alles mutet wie eine Bagatelle an - angesichts der "Geschäfte", die er demnächst mit auf den Weg bringen wollte. Die Polizei in San Luca und Reggio Calabria überwachte ihn, weil er einen Draht zu den Bossen von San Luca hatte, die dort die alleinige Herrschaft anstrebten.

Marco Marmo soll ebenfalls beim Attentat auf den rivalisieren Clan von Giovanni Nirta in San Luca involviert gewesen sein. Es war Weihnachten 2006: Ein Killerkommando lauerte Giovanni Nirta auf. Der 39-jährige Clan-Chef konnte sich retten, seine 33-jährige Frau Maria Strangio aber nicht. Grund für das Attentat war die alleinige Vorherrschaft des Pelle-Romeo-Clans in San Luca im florierenden Kokainhandel. Und Marco Marmo sollte dafür sorgen. Das 4000 Einwohner zählende Dorf gilt schließlich als Umschlagplatz von kolumbianischem Kokain, das dann in ganz Europa vertrieben wird.

Ein Monat später holte Giovanni Nirta zum Racheakt aus. Der rivaliserende Clanchef Sandro Vottari sollte eliminiert werden. Doch auch der 35-jährige Rivale überlebte das Attentat und tauchte unter. Als die Polizei im vergangenen März eine Hausdurchsuchung in Vottaris Haus im Stadteil Ricciolío von San Luca vornahm, fand sie in einem Geheimbunker neben Waffen und Geldscheinen eine Visitenkarte des Duisburger Edelrestaurants "Da Bruno". Das Lokal sollte deswegen unter polizeiliche Beobachtung gestellt werden. Insbesondere sein Inhaber, Giuseppe Strangio, und dessen Bruder Sebastiano sollten observiert werden. Ein entsprechendes Rechtshilfegesuch der italienischen Behörde stand kurz davor, den deutschen Stellen zugestellt zu werden. Das Gesuch kam zu spät.

In Duisburg wollte Marco Marmo nicht auffallen. Deshalb hatte er sich mit seinem Mietwagen nach Deutschland aufgemacht. Er war nach Duisburg gekommen, um illegal Schnellfeuerwaffen zu besorgen. Sein Telefon wurde bereits zu dieser Zeit abgehört. In einer Mitteilung an die deutschen Behörden, die im Mai erfolgte, sollen die italienischen Ermittlungsstellen gerade über diese bevorstehende Reise Marco Marmos informiert haben.

"Da Bruno"-Inhaber Giuseppe Strangio ist unterdessen untergetaucht. Wann das geschah, wird zur Zeit noch ermittelt. Ob er die undichte Stelle war, die dem auflauerden Killerkommando den entscheidenden Tipp gab? Das wäre allerdings in den Augen des Clans ein folgenschwerer Verrat, der mit Mord bestraft werden soll.