ZEIT online: Nach den Jagdszenen von Mügeln wird jetzt heftig diskutiert, ob der Angriff auf die Inder eine Aktion organisierter Rechtsradikaler war oder Ausdruck einer "normalen" Ausländerfeindlichkeit. Was wäre schrecklicher?

Wilhelm Heitmeyer: Für die Opfer ist es ohnehin kein Unterschied. Für mich ist es eindeutig schlimmer, wenn sich eine solche Gewaltdynamik aus einer angeblichen Normalität entwickelt. Denn dann kann die Gewalt jederzeit wieder hervorkommen. Die Gegenmaßnahmen sind weitaus schwieriger als bei identifizierbaren organisierten Gruppen. Zumindest dann, wenn die Polizei rechtzeitig informiert ist und einschreitet. Was wir leider in Ostdeutschland auch nicht immer erleben.

ZEIT online: Wie hat man sich das denn vorzustellen, dass eine quasi normale Festzelt-Schlägerei in ein regelrechtes ausländerfeindliches Pogrom ausartet?

Heitmeyer: Eine normale Schlägerei unter Gleichen war es eben nicht. Ich kenne den genauen Auslöser nicht. Aber vor dem Hintergrund fremdenfeindlicher Stimmungen werden Gruppengrenzen schnell aufgebaut: "Wir" auf der einen Seite, "die" auf der anderen. Wenn das dann noch durch die Hautfarbe dokumentiert wird, sind solche Dinge sehr schnell in Gang zu bringen. Der Gift der Ideologie der Ungleichwertigkeit wirkt. Da bedarf es, besonders unter dem Einfluss von Alkohol, nur noch kleiner Anlässe. Das passiert vor allem dann, wenn es sich um sehr homogene Gruppen und Einstellungen handelt. Da entsteht ein Konformitätsdruck, gerade in solchen kleinen Städten und Gemeinden wie auch in Mügeln, wo man sich kennt und wo sich kaum jemand traut, sich dagegen zu stellen.  

ZEIT online: Warum macht sich eine solche latente Fremdenfeinlichkeit vor allem im Osten breit?

Heitmeyer: Auch in Westdeutschland gibt es fremdenfeindliche Einstellungen, aber sie sind in Ostdeutschland wesentlich stärker. Das hat nicht nur mit der wirtschaftlichen Entwicklung dort seit der Einheit zu tun, sondern auch mit der besonderen ländlichen und kleinstädtischen Siedlungsstruktur. Es gibt im Osten eine starke Abwanderung, und es sind vor allem die Leistungsstarken, Jungen, gut Ausgebildeten, die weggehen. Das führt zu einer sozialen und auch mentalen Homogenisierung. Diejenigen, die gegen fremdenfeindliche Einstellungen und Gewalttaten Einspruch erheben würden, sind vielfach gar nicht mehr da. Das ist anders als im Westen, wo solche Vorkommnisse nicht immer so intensiv beschwiegen werden wie im Osten.

ZEIT online: Und das verstärkt die Ausländerfeindlichkeit noch?

Heitmeyer: Ja, gerade in kleinen Gemeinden ist es sehr gefährlich, wenn sich eine solche Schweigespirale entwickelt. Wenn die Menschen den Eindruck haben, sie gehörten in einer Stadt wie Mügeln zur Mehrheit mit der Ablehnung von Fremden, Zugewanderten, aber auch anders Denkenden und Lebenden, dann verstärkt sie das in ihrer Haltung noch, anders, als wenn sie sich in der Minderheit fühlen. Insofern kann auch jeder etwas dagegen tun, indem er tatkräftig den Mund aufmacht, um diese Schweigespirale zu durchbrechen, die solche Gewaltexzesse oft erst ermöglicht.

ZEIT online: Aber für diejenigen, die sich dem Konformitätsdruck entgegen stellen, ist das durchaus gefährlich. Sie werden dann nicht selten selbst zum Objekt der Ablehnung und Gewalt.

Heitmeyer: Rechte Kameradschaften und die NPD haben in vielen, gerade kleineren Orten ein erhebliches Drohpotenzial aufgebaut, sodass man in der Tat davon ausgehen muss, dass sich in Gefahr begibt, wer sich ihnen entgegenstellt. Das ist ein Teil des Problems. Wobei rechte, ausländerfeindliche Stimmungen nicht nur ein Jugendproblem sind. In unseren Untersuchungen stellen wir fest, dass die Älteren zum Teil feindseligere Einstellungen haben als die Jüngeren. Aber die Jüngeren bringen die Gewalt ins Spiel. Und dann wird plötzlich die Gesellschaft kurzzeitig nervös. Aber gleichzeitig pflanzen sich diese Mentalitäten immer weiter fort durch die Eltern und Großeltern. Doch um die Älteren kümmert sich kaum jemand, die Gegenstrategien beschränken sich in der Regel auf Jugendprogramme. Dadurch wird der Kreislauf nicht unterbrochen.