Er ist der große Gewinner der Aufsehen erregenden Geschichte: Christoph Feuerstein, 35, Journalist bei dem österreichischen Fernsehsender ORF. Seit Tagen gibt der jungenhaft wirkende Reporter bereitwillig Interviews, erzählt von den Dreharbeiten in Barcelona und dem Vertrauensverhältnis, das sich zwischen ihm und seiner Auskunftsperson seit ihrem ersten Fernsehgespräch vor einem Jahr entwickelt habe. Er lässt die Welt auch wissen, wie es um die fragile Psyche seiner jungen Hauptdarstellerin bestellt sein könnte. Die früher noch auskunftsfreudigen Psychiater und Anwälte geben sich mit einem Mal verschlossen, nur Feuerstein plaudert unverdrossen und strahlt auf zahlreichen Schnappschüssen den Lesern der Boulevardpresse entgegen: Ein Sonnyboy im Reporterglück. Er ist schließlich das kostbarste Bindeglied, das der Sensationspresse zu ihrem eigentlichen Objekt ihrer Begierde verblieben ist. In nahezu allen Tageszeitungen werben nun Anzeigen für seinen großen Auftritt: ?Exklusiv: Natascha Kampusch ? ein Jahr danach?.

Am Montagabend will sich der öffentlich-rechtliche Sender (in Deutschland strahlt RTL das TV-Ereignis um eine Stunde zeitversetzt aus) mit der Interviewreportage über das prominente Entführungsopfer aus dem Quotentief ziehen, in das er nach einer gescheiterten Programmreform geschlittert war. Nun vermarktet die TV-Anstalt den Schicksalsreport hemmungslos.

Über die heute 19-Jährige, die am 23. August des vergangenen Jahres nach achtjähriger Gefangenschaft ihrem Kellerverlies entkommen konnte , bricht jetzt erneut rücksichtsloser Medienrummel herein. Weiterhin wirkt alles, woran der Name Kampusch klebt, wie eine enthemmende Droge auf das Nachrichtengewerbe. Noch ist das Schicksal des Kellerkindes nicht leer gefleddert. Noch können neue ?Details ausgegraben werden, noch locken schmuddelige Geheimnisse, kann diese Story zu einer perfiden Trivialität aus Kitsch und Schund weitergedreht werden. Chefredakteure hetzen ihre Reporter auf die Fährte, verlangen möglichst exklusive Beutestücke. Raubtierjournalismus ist kein Job für sensible Gemüter. Nur Resultate zählen im Überlebenskampf um Aufmerksamkeit. An vorderster Front ist der öffentlich-rechtliche Sender zugange: Die erste Flugreise, das erste Bad im Meer, die erste Fahrstunde. Das Rührstück spart nicht mit Details.

Dem verschüchterten Opfer war nur eine kurze Verschnaufpause gegönnt, nachdem sie mit knapper Not der Belagerung durch internationale Reporter entkommen konnte. Offensichtlich war der Riege von Psychiatern, Sozialarbeitern, Anwälten und Medienstrategen, die Natascha Kampusch umschwirrten, die Erkenntnis gedämmert, dass sie ihren Schützling doch etwas zu freizügig vermarktet hatten. Gelegentlich war es in den Straßen von Wien bereits zu wüsten Rempeleien gekommen, wenn ein Fotograf dem blonden Mädchen aufgelauert hatte. Mit Klagdrohungen und Geldstrafen war es den Anwälten gelungen, die meisten unerwünschten Bilder aus dem Verkehr zu ziehen. Sogar der Fotografin jenes Passbildes, mit dem einst nach dem verschwundenen Kind gefahndet worden war, konnte mit einer Flut von weltweit 600 Klagen die Rechte an ihrem Foto zurückerobern. Kurz hatte es den Anschein, als wäre die Kampusch-Industrie gezähmt.

Das änderte sich schlagartig, als vor wenigen Wochen ein Paparazzi die junge Frau mit dem Sohn ihres Anwaltes bei einem nächtlichen Disco-Besuch in Wien ertappte und abblitzte. Das Foto schaffte es bis auf die Titelseite von Bild . ?So gut tut ihr die Liebe?, säuselte die Springer-Postille und ließ seitdem nicht mehr locker. Der Jahrestag der Entführung nahte und die Boulevardreporter in Österreich und Deutschland scharrten erwartungsfroh.

Ein glücklicher Umstand kam ihnen zu Hilfe. Wahrscheinlich benebelt von den horrenden Honorarsummen, die seit der ersten großen Medienschlacht um die Entführte herumgeistern (die Mutmaßungen über die finanziellen Arrangements der Interview-Serie nach ihrer Befreiung nähern sich gelegentlich einer halben Million Euro), hatte die Mutter von Natascha Kampusch beschlossen, ihre Erinnerungen von zwei Gebrauchstextern niederschreiben zu lassen und so die Geschichte ihrer Tochter zu ihrer eigenen Weiterverwertung zu kidnappen.

Das war selbstverständlich ein gefundenes Fressen für die Schakale vom Boulevard. Alle stürzten sich auf die Räuberpistole (?Verzweifelte Jahre?), zumal die Mutter, die sich offensichtlich um ihre eigene Bedeutsamkeit geprellt fühlte, Schmutzwäsche auspackte und von ihrer zerrütteten Beziehung zu ihrem Ex-Mann und Nataschas Vater einerseits und den Psychiatern, die entflohene Opfer unter ihre Fittiche genommen hatten, anderseits berichtete.

Schon die Präsentation des reißerischen Schmökers vor zwei Wochen in Wien geriet zu einer peinlichen Demonstration des Raubtierjournalismus. Gerade versuchten Verleger und Autorin wortreich die Bekennerschrift zu rechtfertigten, da kam plötzlich Natascha Kampusch in den Raum geschlichen. Sie presste sich in den entlegensten Winkel des Raumes, versteckte ihr Gesicht hinter einer wuchtigen Sonnenbrille und einem weißen Fächer. Das nutzte natürlich gar nichts, es bot lediglich zusätzlichen Anreiz. Bei erster Gelegenheit türmte sich die Fotografenmeute vor der verschüchterten Gestalt zu einer Blitzlichtpyramide hoch. Erst nach einer Weile murmelte dann der Verlagsleiter ? leider war seine Autorin inzwischen nur noch eine unbeachtete Statistin ? irgendetwas von »Persönlichkeitsrechten«. Dann schleuste er das nahezu zu Eis erstarrte Mädchen durch einen Korridor gieriger Kameraobjektive in einen Nebenraum.

Wie naiv der Appell zur Zurückhaltung war zeigte sich schnell: Die erbeuteten Bilder des stummen Zaungasts fanden flächendeckende Verbreitung. Herrschen im Raubtiergehege der Sensationspresse doch Dschungelgesetze, die einer Beute nur das eine Recht einräumen, verschlungen zu werden. Nun sollte Natascha Kampusch nicht mehr aus den Augen der Öffentlichkeit verschwinden.

Denn darum geht es seit dem 23. August des Vorjahres, an dem die Sensationsgeschichte des Mädchens aus dem Keller am Boulevard explodiert war: Auflage, Schlagzeilen, Kasse machen. Natascha Kampusch hatte nie eine Chance. Welche Heldentaten, nicht nur dort, wo man sie ohnehin vermutet, wurden da auf Kosten des Opfers vollbracht: Ein ganzes Rudel von Beratern, Betreuern und Interviewern akquirierte persönliche Wichtigkeit aus einem fremden Schicksalsschlag und feierte anschließend sein segensreiches Wirken im Dienste des persönlichen Bedeutungsgewinns. Sie war das österreichische Fräuleinwunder, und daraus wurde im diabolischen Zusammenspiel aus zudringlicher Beschattung und fürsorglicher Ausbeutung ein Recyclingprodukt.

Stets rechtfertigen die Medienritter, so auch diesmal der verständnisvolle Reporter des ORF, ihre Zudringlichkeit damit, dass sie lediglich tun, wozu Natascha Kampusch ihre Zustimmung gegeben habe. Sie leisteten lediglich Beihilfe zur medialen Entäußerung.

Das aber ist die Pharisäerlogik einer Branche, die noch jede Geschichte zum eigenen Nutzen zu verdrehen weiß. Klar, dass einem jungen Menschen nach derart traumatischen Jahren die gigantische Welle von Aufmerksamkeit und Anteilnahme, wie sie über Natascha Kampusch hereinbrach, schmeichelt. Klar, dass sie anfangs darin badet. Klar auch, dass sie schließlich untergehen wird, weil ihre gesamte Persönlichkeit Allgemeingut, ihre Privatsphäre zu öffentlichen Domäne geworden ist. ?Dass Natascha Kampusch heute noch wie ein gehetztes Reh auftritt, hat sie nicht zuletzt ihren Beratern zu danken?, kritisierte dieser Tage die Kleine Zeitung aus Graz mit gebührender Distanz zum Wiener Geschehen. Auch ihre erste Auslandsreise finde, wie all die Jahre ihrer Isolation in einem Einfamilienhauskeller, wieder unter Aufsicht statt. Anstelle ihres Entführers sein nun eben ein ?Herr Feuerstein samt Kamerateam dabei?.