Alleinsein, das war gestern. Denn im digitalen Leben fliegen Millionen halbe Seelen und halbe Herzen herum, die einander versprechen, endlich ihre andere Hälfte finden zu wollen. Vor einem Monat habe ich mich entschlossen, dazu zu gehören. Ehrlich gesagt hatte ich vor sechs Monaten schon einmal versucht, mit einer Frau im All in Kontakt zu treten. Ich musste ein Liebesdrama bewältigen: lange Beziehung, sadistische Trennung (ihrerseits, natürlich). Ich war nicht zu gebrauchen im echten Leben. Also würde es mit dem virtuellen Kennenlernen besser funktionieren, dachte ich. Die Online-Suche wäre eine perfekte Strategie, mit einer neuen Identität ein neues Leben anzufangen.

Ich irrte gewaltig. Prinzessin_99, und Maus7878 wollten offenbar nichts von mir wissen. Bei der Partnersuche im Netz ist man einer (seelischen) Gewalt ausgesetzt, die man in der Wirklichkeit nie erlebt. Im Internet lautet das Gebot ?Keine Gnade für den Besiegten?. Wer nicht gut drauf ist, hat keine Chance. Es gibt also doch etwas, das in realen Begegnungen genauso funktioniert: Die Frauen spürten sofort, das etwas mit mir nicht stimmte. Aber im wahren Leben kann man seine negative Energie wenigstens bei den anderen abladen. Hier sitzt man allein vor seinem Bildschirm, fängt an zu fantasieren, schreibt hundert Mails an hundert falsche Frauen, wartet auf hundert Antworten und jeden Morgen bleibt die Mailbox zum Verzweifeln leer.

Am Anfang ist man sowieso ungeschickt und versteht die Regeln nur langsam. So hatte ich Prinzessin_99, die in einem Beauty-Salon arbeitet ? ?und privat massiert, super gerne :-)? ? mit meinen Definitionen von Sinnlichkeit vollgequatscht, denn Sinnlichkeit war eine von den Eigenschaften, die ihr wichtig waren. Ich warte immer noch auf die Antwort von Prinzessin_99, die super gern massiert, auch privat.

Dann suchte ich mir eine Schöne aus, die ihr Profil mit sieben extrem glamourösen Bildern schmückte: eine 25-Jährige, die für Modemagazine als Fotografin arbeitet (was hat sie in einer Partnerbörse zu suchen, diese Frau). Ich entschied mich für einen originellen Einstieg, denn ich wollte mich von den anderen unterscheiden.

Im Betreff meiner Mail stand ?2335??. Mit Humor und Selbstironie ist Mann bekanntlich erfolgreicher. "Ich bin vermutlich der 2335e, der dir schreibt, aber was soll?s? Nicht die Quantität zählt, sondern die Qualität." Der Rest war noch peinlicher. Eine Freundin bestätigte mir ? und sie hat Erfahrung ? dass jeder Zweite sich so präsentiert. Auf jeden Fall hat Angel76 meine nette erfrischende Mail ignoriert. Ein Foto hatte ich auch noch nicht, obwohl alle Datingseiten ihre Kunden ausdrücklich beschwören, dass ein Foto  die Wahrscheinlichkeit um ein 15faches erhöht, kontaktiert zu werden. Onlinedating wirkt wie ein Teufelkreis. Keine Post - Verzweiflung, Verzweiflung - keine Post. Endlich gab ich meine masochistischen Anstrengungen auf.