Es gibt Themen im Journalismus, die laufen immer. Spionage zum Beispiel. In dieser Woche und pünktlich zum Chinabesuch der Kanzlerin sind die Zeitungen voll davon: "Spionage aus Peking", "Der Praktikant als Spion", "Genug geplündert". Die Überschriften sprechen für sich selbst. Chinesische Schnüffelprogramme sind offenbar in Berliner Regierungscomputern aufgetaucht, und man erinnert sich daran, dass deutsche Mittelständler sowieso seit Jahren über das Abhandenkommen ihrer Baupläne oder geheimen Verhandlungsunterlagen klagen. "Wie Staubsauger" spionierten chinesische Geheimdienstleute, befand ein Fachmann vom bayerischen Verfassungsschutz. Seither sind die Chinesen sicher ganz scharf auf Baupläne aus dem Hause Vorwerk.

Doch Spaß beiseite: Eine ganze Reihe von Industrie- und Schwellenländern betreibt systematisch Wirtschaftsspionage. Auch den USA wurden schon solche Fälle vorgeworfen; deren technischer Nachrichtendienst NSA hat schließlich den ganzen Globus mit Antennen und Abhöreinrichtungen überzogen, das muss sich irgendwie rentieren.

China ist heute der Weltmeister im Spionieren. Das Regime zwingt Unternehmer, die in der Volksrepublik Geschäfte machen, zur Kooperation mit seinen Firmen und zum allmählichen Abtreten technischer Geheimnisse. Es rekrutiert Auslandschinesen als Schlapphüte, es lässt ausländische Produkte auseinander nehmen und originalgetreu nachbauen, es hackt sich offenbar auch in Computer. Bei deutschen Mittelständlern, deren Baupläne und Geschäftsgeheimnisse plötzlich in den Händen chinesischer Konkurrenten landen, geht es dabei um Arbeitsplätze und vielleicht die ganze Existenz.

Schlimm. Wenn man aber einige dieser Fälle genauer betrachtet, muss man sich an den Kopf fassen. Erstens, weil manche deutsche Unternehmen auf der Reise nach China und daheim beim Schutz ihrer Anlagen nicht mal einfachste Sicherheitsbestimmungen zu wahren wissen. Geheime Passwörter? Verschlüsselte Festplatten? Eine Geheimniskultur rings um technische Neuerungen? Versiegelte USB-Schnittstellen und Netzwerkports, ohne die sich selbst ein 12-jähriger Nachwuchsspion staubsaugergleich Zugriff verschaffen kann? Bei vielen deutschen Unternehmen, die sich gerne global players nennen, Fehlanzeige. Liebe Spieler: It's a War Out There . Bitte nicht erst von der Globalisierung schwärmen, sich blöd dabei anstellen und dann allzu laut nach dem Schutz des Heimatstaates rufen.

Das größte Problem ist aber ein anderes. Ein strategisches. Da gibt es Unternehmen wie den Windanlagenbauer Nordex aus Norderstedt bei Hamburg, der gutes Geld verdient und offenbar auch in China den Dreh raus hat. Das Unternehmen, erläuterte sein China-Chef vor einiger Zeit der Zeit , passt einerseits seine Produkte liebevoll an den chinesischen Markt an. Es baut zum Beispiel spezielle Windräder für die mongolische Kälte. Zugleich achtet Nordex darauf, dass die Entwicklung immer weiter geht, dass die Windräder also immer besser, rentabler oder preiswerter werden. Die allerneuesten Entwicklungen beliben erstmal geheim und gehen nicht nach China. Nur die marktgängigen Modelle sind für den Export. "Wenn die wollen, können sie dann kopieren", erläuterte der Firmenchef, der das als notwendiges Übel hinnimmt, um nicht den Einstieg ins "größte Windenergieland der Zukunft" zu verpassen.