Wen Jiabao hat Schlips und Jackett abgelegt. So wartet er vor einem alten Pavillon in einem Pekinger Park auf Angela Merkel. "Ich möchte, dass die Kanzlerin Kontakt zu normalen Bürgern aufnimmt", sagt der chinesische Regierungschef. Er ist aufgeräumter Stimmung, sucht das Gespräch zu den um ihn stehenden deutschen Journalisten. Er fragt nach dem Spiegel -Kollegen und versichert bezüglich der aktuellen Titelgeschichte des Magazins zur angeblichen chinesischen Computerspionage : "Ich habe den Bericht gelesen."

Wenig später führt Wen die Kanzlerin durch den Park ganz in der Nähe des Kaiserpalasts. Er zeigt ihr 300 Jahre alte Bäume, erklärt einen Zeremonienplatz, wo man früher einem allmächtigen Kaiser für die Ernte dankte. "Wann war das?", will Angela Merkel wissen. Zur Zeit der Ming-Dynastie, antwortet ihr Wen. Aber die Kanzlerin muss noch einmal nachfragen. Wer weiß schon, wann die Ming-Kaiser regierten! Vor 600 Jahren, sagt Wen schließlich.

Der Premier führt die Kanzlerin zu ein paar Passanten an einer Parkbank. Vielleicht sind die Leute von der Regierung einbestellt, vielleicht hat man sie auch nur am Parktor durch den Sicherheits-Check laufen lassen. Ein junger, schwitzender Jogger im grünen T-Shirt und Basketballschuhen stellt sich als Computerprogrammierer vor. Die Kanzlerin erkundigt sich nach Arbeitszeiten und Überstunden. "Wenn der Chef es verlangt, kann ich abends nicht nach Hause", räumt der Mann ein. Das klingt ehrlich, nicht aufgesetzt. Später grüßen die beiden Regierungschefs eine Familie mit Kindern. Merkel will wissen, was die Kinder aus Deutschland kennen. "Schokolade", antwortet das zwölfjährige Mädchen. "Hätte ich das gewusst, hätte ich etwas mitgebracht", entgegnet ihr die Kanzlerin.

Ein Stück Weges weiter stoppen Wen und Merkel bei drei jungen Frauen, die mit chinesischen Kreiseln jonglieren. Wen fragt die Frauen aus und erklärt der Kanzlerin: "Die drei Frauen kennen ihren Namen." Merkel glaubt, die Situation ist gestellt: "Das hat man ihnen gesagt", sagt sie. "Nein, auf keinen Fall", rufen die drei Frauen und kichern.

Doch egal, ob es nun echte Zivilisten waren oder nicht, die der Kanzlerin im Pekinger Zhongshan-Park begegneten: Der Spaziergang war ein Novum der chinesischen Diplomatie. Nie zuvor hatte sich ein chinesischer Regierungschef dem begleitenden deutschen Pressekorps in so lockerer Atmosphäre gezeigt. Merkel war angetan. "Schön, dass wir uns so endlich mal besser kennenlernen", sagte die Kanzlerin zum Dank und lud Wen gleich für einen längeren Besuch nach Deutschland ein. Der antwortete: "Ich komme", und verriet damit vielleicht ein Parteigeheimnis. Denn noch weiß niemand, ob Wen den bevorstehenden 17. Parteitag der KP im Herbst politisch überlebt und für weitere fünf Jahre als Premier bestätigt wird. Das aber wäre die Voraussetzung für einen künftigen Deutschland-Besuch Wens bei der Kanzlerin.