In der Flut musikalischer Veröffentlichungen droht mancher Hörer unterzugehen. Wie findet man das rettende Lieblingslied, die neue Lieblingsplatte? Wo stößt man auf neue Klänge? Seit einiger Zeit helfen Internetplattformen den Orientierungslosen . Hier werden Musikgeschmäcker analysiert und Empfehlungen ausgesprochen.

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sorgt sich Tobias Rüther, wie sich das auf die Hörgewohnheiten auswirkt. Früher seien es die Plattenfirmen gewesen, die "für Orientierung auf dem Musikmarkt" gesorgt hätten, "die eine Schneise schlagen, Marken setzen". Heute seien es Fans, "die seit langem schon die Verbreitung von Musik im Internet in die Hand genommen haben". Sie "stellen für andere Fans MP3-Dateien ein, brennen anderen Fans CDs, empfehlen, raten ab, vermarkten". In Weblogs, in Foren, auf eigenen Homepages. Plattenfirmen würden als Filter arbeitslos, schreibt Rüther. Zumal da Musikplattformen wie LastFM und Pandora.com zeigten, wie "Musikgeschmack eingenordet" werde. Dort weise der Geschmack anderer Leute den Weg zur nächsten Entdeckung: "Kein Label, kein Etikett sortiert mehr Musik vor, es ist eine reine Mehrheitsentscheidung, Basisdemokratie." Und: "Eine der kompliziertesten Sachen der Welt wird homogenisiert, abgeglichen, eingepasst in den Strom der Masse, oft entsteht dieser Mainstream erst auf diese Weise." Zu viel digitale Demokratie führt also zu angepasstem Gleichklang, und erwehren können wir uns dessen nicht, denn:

Das Internet sei inzwischen zu einer Weltöffentlichkeit herangewachsen, sagt Rüther. Sie habe schon einige Bands bekannt gemacht und sei so laut geworden, dass Musiker "begonnen haben, ihre neuen Alben im Netz zu verkaufen, lange bevor sie in Plattenläden kommen ..." Weil immer irgendwo ein Leck sei und ein Journalist sein Vorabexemplar ins Netz stelle. Schaden würde das niemandem – außer der Plattenindustrie. Das Einzige, was die Labels der Internetmusik noch voraushätten: Sie "sind immer auch sinnstiftend gewesen (...), nicht elitär, sondern eine Herzensangelegenheit. (...) Im besten Fall ist diese Weltsicht nicht einheitlich, der komprimierte Geschmack kein Geschmack des Immergleichen." So vermarkte eine Firma wie das Jazz-Label Blue Note zudem "symbolisches Kapital", "eine Art Großstadtmelancholie". Wer so was kaufen würde, gehe nicht in der großen Gruppe Gleichgesinnter auf, "die heute über LastFM oder Amazon ihren iPod und damit ihr Weltbild zusammenstellen".

Die aktuelle Ausgabe des Spiegel widmet sich der Operndiva Maria Callas. Am 16. September vor 30 Jahren ist sie gestorben. Mit seiner Erinnerung ist der Spiegel zwar etwas früh dran, im Wettlauf um Aktualität aber immerhin Erster. Der Opernexperte Jürgen Kesting schreibt zwei Seiten über ihre Karriere und watscht en passant heutige "Opernangestellte" wie Anna Netrebko ab. Netrebko sei, "wie talentiert und schön auch immer", ein marktkonformes Surrogat der Diva, so wie "Luciano Pavarotti den Mythos des Tenors zum Massenphänomen hergerichtet und entstellt hat." Anna Netrebko imitiere überdies "die Pop-Posen von Madonna". Maria Callas hingegen "bleibt von einer anderen Aura, der einer Kunstheiligen". Ihr Gesang sei ein Fanal gewesen, eine "Stimme des weiblichen Widerstands", eine "Stimme unserer Zeit". Kesting fragt: "Was ist ihr Vermächtnis?" Die Antwort: "Sie hat den Anstoß für die Renaissance der Belcanto-Oper gegeben, der bis heute fortwirkt. Wie Enrico Caruso, der den Belcanto vollendete, und wie der Russe Fjodor Schaljapin gehört sie zu den drei wirkungsmächtigsten Sängern des vergangenen Jahrhunderts."

Aussprüche Prominenter werden in den Lobgesang eingewoben – der Modeschöpfer Yves Saint-Laurent, der Schriftsteller Claude-Lévi Strauss und auch Ingeborg Bachmann kommen zu Wort. Die Callas sei "immer die Kunst, ach, die Kunst, und sie war immer ein Mensch, immer die Ärmste, die Heimgesuchteste, die Traviata", hat Bachmann einst gesagt. Anna Netrebko hätte ihr wohl kaum gefallen. Zum Schluss des Artikels spricht noch die Mädchengruppe The Bangles aus dem Autor: Maria Callas "ist die ewige Flamme".