Die Angabe zu dem Treffpunkt klingt wie die Einladung zu einem konspirativen Treffen: "21 Uhr vor dem Supermarkt an der 3rd Avenue, Ecke 26th Street", sagt die Frau am Telefon. Zum vereinbarten Zeitpunkt sind nur ein paar vorbeihastende Passanten zu sehen, niemand, der etwas mit Müll-Tauchen zu tun haben will. Denn genau das bedeutet auf Deutsch, was sich wie eine neue Trend-Sportart anhört - Dumpster-Diving . Einmal wöchentlich treffen sich die Teilnehmer in einem der wohlhabenden Stadtteile New Yorks und durchforsten Müllsäcke vor Supermärkten, Restaurants und Feinkostläden auf der Suche nach Lebensmitteln. Null-Konsum nennen sie das.

Es dauert eine gute halbe Stunde, bis eine kleine Gruppe am vereinbarten Ort zusammengekommen ist. Die Leute sind weder ärmlich gekleidet, noch sehen sie wie Obdachlose aus, von denen es in New York mehrere Zehntausend gibt. Die meisten tragen Rucksäcke oder Taschen und sind sportlich, sogar modisch gekleidet. In der anbrechenden Nacht begutachten sie schon mal die ersten Müllsäcke, die in New York City einfach am Straßenrand abgestellt werden. Manche tragen Gummihandschuhe, andere greifen barhändig zu. Für den Mülltauchgang gibt es feste Regeln: Die Säcke dürfen nicht aufgeschlitzt, sondern nur aufgeschnürt werden. Alles, was man nicht benötigt, wird wieder zurückgelegt und verschlossen. Man möchte die Geschäftsleute nicht durch Unordnung verärgern.

Als Madeline Nelson, eine Sprecherin der Gruppe eintrifft, sind gut 20 Menschen versammelt. Die 51-Jährige trägt Jeans, T-Shirt und Turnschuhe und lernte vor vier Jahren auf einer Demonstration gegen den Irakkrieg Freegan-Aktivisten kennen. Damals machte sie sich das erste Mal Gedanken über Ressourcen-Verschwendung und ihr eigenes Konsumverhalten. Es dauerte noch zwei Jahre, dann hängte sie ihren Job als Kommunikationsleiterin einer Buchhandlung an den Nagel, um sich dem Thema ganz zu widmen. Eine abgezahlte Wohnung in New York ermöglicht es ihr, nach den Grundsätzen der Bewegung zu leben. Die entstand Mitte der neunziger Jahre in der Welle von Globalisierungs-Gegnern. Die Freeganer, deren Name sich aus dem englischen free für "frei" und "vegan" für eine Ernährung ohne tierische Bestandteile ergibt, verweigern sich den üblichen Marktprinzipien. Sie wollen nicht arbeiten, weil sie es für menschenunwürdig halten, ein kapitalistisches System zu unterstützen, in dem sich ihrer Meinung nach einige wenige auf Kosten vieler bereichern. Dabei sind ein Großteil der Freeganer Studenten.

Nelson begrüßt alle und gibt den Neulingen eine kurze Einführung in die Müll-Tour. "Es ist schlimm, wie in unserer reichen Konsumwelt mit Lebensmitteln umgegangen wird. Dagegen wollen wir uns wehren und deshalb sind wir heute hier. Ich ermutige euch dazu, jede Mülltüte, die ihr auf unserem Weg erspäht, zu öffnen. Und ihr werdet erstaunt sein, was ihr darin findet." Nelson verspricht nicht zu viel. Bereits am ersten Stöber-Halt finden sie in den Mülltüten eines Nobel-Supermarkts rund zehn Kilo Bananen - bis auf ein paar Druckstellen unversehrt. Daneben große Tüten mit grünen Bohnen und geschnittenem Eisbergsalat. Die Tüten wurden nie geöffnet. Aktive Freeganer wie Cindy wollen den Überfluss der urbanen Lebensart vermindern

Schlechte Gerüche strömen nicht heraus. "Die Supermärkte und Feinkostketten kippen am Ende des Tages frische Verkaufswaren in den Müll, weil sie glauben, dass die verwöhnten New Yorker das Essen am nächsten Tag nicht mehr kaufen würden", sagt Nelson. Neben ihr fischt sich Cindy einen Fertigsalat mit Thunfisch, Eiern und Tomaten aus der Tüte. Die 31-Jährige macht nicht nur auf den Mülltouren mit, sondern engagiert sich auch ehrenamtlich für die Freeganer. Geld muss sie dennoch auch verdienen und so arbeitet sie in einer Nachbarschaftshilfe und bringt Kindern in Feriencamps nachhaltigen Umgang mit Natur und Umwelt bei. Schon als Jugendliche habe sie das erste Mal in Mülltüten gestöbert, sagt sie, mit Freunden auf der Suche nach Süßigkeiten.

Cindy packt die Tomaten aus dem Salat in eine mitgebrachte Frischhaltetüte, den Rest legt sie in den Sack zurück. "Je appetitlicher das hier ist", sagt sie lächelnd, "desto weniger wird in Supermärkten gekauft." Wie appetitlich das ist, bleibt jedoch Geschmackssache. Denn neben gut erhaltenem Gemüse, Obst und Unmengen von Backwaren des Tages, finden sich auch abgelaufene Lebensmittel, angebrochene Packungen und ein rohes Tiefkühlhuhn im Müll. Was die abgelaufenen Lebensmittel angeht, winkt Madeline Nelson ab. "Das Verfallsdatum bedeutet wenig. Es ist ein selbstgesetztes Datum der Lebensmittelindustrie. Und die Lebensmittel verderben doch nicht plötzlich an besagtem Tag." Auch das angetaute Huhn wird mitgenommen, obwohl Freeganer sich vegan ernähren - die Prämisse, keinen Rohstoff zu verschwenden, steht ideologisch über dem Prinzip der veganen Ernährung.