Die Stimmung in den USA war bis vor kurzem eindeutig. Im Juli plädierte die New York Times in einem Leitartikel mit der Überschrift "The Road Home" für den unverzüglichen Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak. Sie sprach damit wohl der Mehrheit der Amerikaner aus dem Herzen. Die Demokraten mit ihrer Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses drängten ebenfalls zu einem raschen Rückzug. Bush wirkte mehr und mehr isoliert, der Widerstand in seiner eigenen Partei wächst. Die jüngsten Aussagen des republikanischen Senators John Warner nach der Rückkehr aus dem Irak passen in dieses Bild.

In Wahrheit wird es keinen baldigen Abzug geben. Dafür sorgt allein schon George W. Bush, der alle Mittel nutzen wird, die ihm als Präsident zur Verfügung stehen, um das Ansinnnen der Demokraten abzuwehren. Dem Autor Bob Woodward vertraute er einmal an, dass er sich nicht zum vorzeitigen Rückzug aus dem Irak bewegen lassen werde, selbst wenn nur noch Ehefrau Laura und sein Hund zu ihm stünden. Davon ist der Präsident nicht weit entfernt.

Doch seine manisch wirkende Entschlossenheit, auf Kurs zu bleiben und der "Surge"-Strategie Zeit zu geben, ist derzeit dennoch die einzig vertretbare und richtige Option. Ein baldiger Rückzug aus dem Irak wäre nicht nur ein schlimmer Fehler, er wäre auch moralisch verwerflich. Er würde die Iraker blutigem Chaos, Bürgerkrieg und den Massakern der Dschihadisten überlassen. Eine solche Entscheidung läge weder im Interesse des Westens noch der Region selbst.

Trotz aller Fehler, die von Beginn an im Irak begangen wurden – der viel zu geringen Tuppenzahl, der Auflösung der irakischen Armee, der unsensiblen De-Bathifzierung, die viele Sunniten und Mitläufer des alten Regimes in die Hände Al-Quaidas trieb – sollte man den Gedanken an ein schnelles Ende des militärischen Engagements fallen lassen. Ein Abzug würde die Dschihadisten ermutigen und ihnen einen ungeheuren Propagandacoup bescheren: Der Westen würde als schwächlich und kampfunwillig vorgeführt.

Vor allem sollten Europa und Amerika bei allem Streit nie vergessen, dass die Frontlinie im Konflikt mit dem totalitären Islamismus durch den Irak verläuft. Es ist dabei gleichgültig, ob man vor vier Jahren Invasion und Sturz eines blutrünstigen Regimes begrüßte oder den Krieg für einen schweren strategischen Fehler hielt: Der Kampf ist eine Realität und wird Europa und Amerika noch lange in Atem halten.

Der französische Präsident Sarkozy und sein Außenminister Bernard Kouchner, der schon in den 80er Jahren den Sturz Saddam Husseins gefordert hatte, sind sich dieser Tatsache bewusst. Es ist kein Zufall, dass Sarkozy sich sogleich daran machte, das Verhältnis zu Washington und Bush zu verbessern. Nun hat sein Außenminisster mit einem symbolträchtigen Besuch in Bagdad Anfang der Woche die bemerkenswerte Kurskorrektur Frankreichs unterstrichen, die in Europa wenig beachtet wurde – weg von Chiracs Strategie eines strikten Nein zu jedem Engagement im Irak. Kouchner traf den Kern des Problems, als er in Bagdad betonte, der Ausgang des Konflikts im Irak werde den "Lauf der Weltgeschichte" prägen, und hinzufügte, dass Frankreich bei "der Geburt der Demokratie in einem so großen und bedeutenden Land" an der Seite des Irak stehen wolle.

Wie sehr sich die neue außenpolitische Strategie in Paris von der Chiracs entfernt hat, wurde deutlich, als Kouchner betonte, Frankreich habe zwar Recht gehabt, als es sich der "miserabel geplanten" Invasion der USA und Großbritanniens widersetzte. Doch fügte er hinzu, die "internationale Gemeinschaft" hätte das irakische Problem anpacken sollen wo wie sie es im Kosovo getan hatte. Kouchner, ein "liberaler Interventionist" und Ex-Sozialist, ist sich der Tatsache bewusst, dass die militärische Aktion der Nato im Kososvo nicht durch ein Mandat der Uno gedeckt war.