Nie zuvor hat Deutschland so viel in den deutsch-chinesischen Kulturaustausch investiert: "Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung" lautet das Motto einer dreijährigen Veranstaltungsreihe, die am Montag von Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Amtskollegen Wen Jiabao in Peking mit großem Pomp eröffnet wird. Es ist ein anspruchvolles Programm. "Es geht nicht darum zu zeigen, Deutschland ist supertoll. Wir sagen, wir haben gemeinsame Fragen und Probleme, egal ob wir Deutsche oder Chinesen sind", sagte der für die Reihe verantwortliche Leiter des Pekinger Goethe-Instituts Michael Kahn-Ackermann.

Der hohe Anspruch eines differenzierten Kulturaustausches aber könnte Angela Merkel während ihres China-Besuchs weltfremder denn je erscheinen. Schon bevor sie am Sonntagmorgen die Maschine nach Peking bestieg, hagelte es in Deutschland Kritik von allen Seiten. Ob Menschenrechtler, Verbraucherverbände, Oppositionsparteien oder die Kollegen von der CDU: Alle wollten Merkel auf ihrer zweiten China-Reise als Kanzlerin in die Pflicht nehmen. Für zusätzliche schlechte Stimmung sorgte der Spiegel . Das Magazin berichtete, der Verfassungsschutz habe auf den Computern diverser Berliner Ministerien chinesische Spionageprogramme gefunden .

Die Kritiker fordern einen härteren China-Kurs der Bundesregierung, vor allem in Sachen Menschenrechte. So verlangte Barbara Lochbihler, Generalsekretärin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in Deutschland, von Merkel "deutliche Worte über die katastrophale Menschenrechtslage in China". Zur Begründung sagte Lochbihler der Neuen Osnabrücker Zeitung , China verhänge im Vorfeld der olympischen Spiele 2008 verstärkt Todesurteile. Genau das wird jedoch von amerikanischen Menschenrechtsorganisationen wie der renommierten Duihua-Stiftung bestritten.

Stattdessen lobt Duihua den Rückgang von Todesurteilen und Exekutionen nach einer Reform im chinesischen Rechtswesen. Sie verpflichtet seit dem 1. Januar das Oberste Volksgericht in Peking, alle Todesurteile zu überprüfen. Doch solche Verbesserungen in der chinesischen Menschenrechtslage will in Deutschland offenbar niemand wahrnehmen.

Die Forderungen an Merkel sind weitgehend identisch: Vom Grünen-Fraktionsvorsitzenden Fritz Kuhn bis zum hessischen CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch geht es allen darum, in China "mit Blick auf die Olympischen Spiele die Demonstrations-, Glauben- und Pressefreiheit zu ermöglichen" (Koch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ). Das klingt gut, und Merkel soll nun mit harten Worten in Peking zu dem großen Ziel beitragen.