So funktioniert also eine Wohlfühlregierung. Erst werden fast alle Streitthemen von der Tagesordnung genommen. Dann darf der leidgeprüfte kleine Koalitionspartner bereits im Vorfeld der Kabinettsklausur einen "Quasi-Durchbruch" bei seinem Lieblingsthema Mindestlohn verkünden und damit demonstrieren, dass auch er durchsetzungsstark ist. Auch wenn der Durchbruch allenfalls ein ziemlich kleines Loch im dicken Brett ist, dass die Sozialdemokraten beim Mindestlohn zu bohren versprochen haben.

Anschließend werden auf dem zweitägigen Treffen selbst nur noch die wirklich unbedingt notwendigen Beschlüsse zu den Themen Facharbeitermangel und Klimaschutz gefällt. Der Rest ist PR. Ein schönes Schloss, gut gelaunte Minister, sogar das Wetter spielte mit. Und die Kanzlerin verkündet, es geht aufwärts, alles wird gut, jeder bekommt etwas von dem großen Kuchen ab.

"Wir wollen die Grundlage des Aufschwungs stärken, damit alle Bürger dieses Landes an diesem Aufschwung teilhaben", sagte Angela Merkel am Freitag zum Abschluss der zweitägigen Klausur. "Wir", sagt die Kanzlerin. "Gemeinsam" betont Vizekanzler Franz Müntefering, der vor ein paar Wochen noch über die Eiseskälte in der Großen Koalition geklagt hatte.

Das Arbeitsprogramm, das sich die Bundesregierung für die zweite Hälfte der Legislaturperiode vorgenommen hat, ist lang. Mal sehen, wie lange da die gute Laune anhält; mal sehen, wie lange CDU, CSU und SPD das prima Klima durchhalten. Die Konflikte in der Koalition sind ja über Nacht nicht verschwunden.

Erstens konnte die Regierung nur bei der Hälfte der etwa 50 Punkte des Arbeitsprogramms eine Übereinkunft erzielen. Und selbst bei den Fragen, bei denen ein Kompromiss erzielt wurde, können im Gesetzgebungsverfahren im Detail noch jede Menge Konflikte auftauchen; Wirtschaftsminister Michael Glos hat vorsorglich schon mal seine Vorbehalte beim Klimaschutzprogramm angekündigt.