Der Mord an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja ist noch nicht aufgeklärt. Das  Statement des Generalstaatsanwalts Jurij Tschajka vom Montag ist allenfalls ein erster, wichtiger  Schritt in diese Richtung. Zwischen dem 15. und 23. August wurden zehn Männer verhaftet, die als Organisatoren, Täter und Mithelfer verdächtigt werden. Unter ihnen sind vier Offiziere des Innenministeriums und des Geheimdienstes FSB.

Sie haben nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft mit den tschetschenischen Mitgliedern einer Moskauer Verbrechergruppe für Auftragsmorde zusammengearbeitet. Die Redakteure der Nowaja Gaseta, für die Anna Politkowskaja geschrieben hatte, loben die hoch professionelle Arbeit der Ermittlungsbeamten. Und sie fürchten, dass der Fall von oben politisiert wird – zum Schaden aller weiteren Ermittlungen und eines rechtsstaatlichen Gerichtsverfahrens.

Tschajkas Ermittlungsergebnisse sind ein Grund zur Freude, denn der Mord an Anna Politkowskaja am 7. Oktober vergangenen Jahres kam einem Fanal für die Einschränkung der Pressefreiheit in Russland gleich. Die international bekannte Journalistin war zur Chronistin der Amtszeit von Präsident Wladimir Putin geworden: Sie berichtete aus der Sicht der Opfer über den zweiten Tschetschenienkrieg, der den Aufstieg des entschlossenen Kaukasusfeldherren Putin zum Staatspräsidenten ermöglichte, und litt selbst unter den Folgen seines autoritären Regierungssystems und dem feindseligen Umgang mit Andersdenkenden.

Die zarte, aber hartnäckige Frau ohne eigennützige Motive gab der moralischen Opposition in Russland ein Gesicht. Umso mehr verstörte Putins sachliche Reaktion auf ihren Tod, als er den "Schaden", den ihre Arbeit Russland zugefügt habe, abwog und ihren Einfluss auf das politische Geschehen als "minimal" bezeichnete.

Tschajkas öffentlicher Auftritt ist auch ein Grund zum Misstrauen. Nicht nur, weil schon mancher vollmundigen Ankündigung der Strafverfolger zu aufsehenerregenden Mordfällen vor Gericht Pannen und Niederlagen folgten. Hatte Tschajka bei seiner Pressekonferenz Politkowskajas 49. Geburtstag am kommenden Donnerstag im Blick? Wollte der Generalstaatsanwalt nur rechtzeitig seine Kritiker verstummen lassen? Oder läutete er in politischem Auftrag den Wahlkampf ein, da im Dezember die Parlamentswahl und im März nächsten Jahres die Präsidentschaftswahl anstehen? Tschajka verkündete, dass der Auftraggeber für den Mord an Politkowskaja im Ausland lebe und Russland von dort diskreditieren und destabilisieren wolle.

Die Anspielung auf den früheren Oligarchen und Exil-Londoner Boris Beresowskij war deutlich. Er ist schon längst zum Lieblingsteufel des Kremls aufgestiegen, dem wie einem zeitgenössischen Trotzkij noch jedes Schurkenstück nachgesagt werden kann. Denn bei Beresowskij besteht seit seinen skrupellosen Machenschaften am Hofe von Putins Vorgänger Boris Jelzin der Grundverdacht, zu allem fähig und bereit zu sein.