Der Fall hatte vor zweieinhalb Jahren für allgemeines Entsetzen gesorgt. Der Mord an Hatun Sürücü löste in der Öffentlichkeit, den Medien und der Politik eine wochenlange Debatte über die Integration türkischer Einwanderer und die Notwendigkeit einer Reform des deutschen Rechtssystem, das, so der Eindruck vieler, bisher ungewollt muslimische Männer schützt, wenn diese ihre Familien mit einer altertümlichen Vorstellung von Ehre in Schach zu halten versuchen. Zwangsheirat gilt in Deutschland beispielsweise nur als Vergehen, das mit einer Geldstrafe geahndet werden kann.

Was war geschehen? In der Nacht des 7. Februar 2005 wurde die 23-jährige Sürücü an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof ermordet. Die Ermittler sprachen von einer "Art Hinrichtung", mehrere Schüsse hatten die junge Türkin in den Kopf und in den Oberkörper getroffen und sie so schwer verletzt, dass sie noch am Tatort starb.

Schnell konzentrierte sich die Fahndung auf die Familie der Toten, die einen ihrer Brüder zuvor angezeigt hatte, weil dieser sie bedrohte. Drei ihrer Brüder wurden verhaftet, nur einer von ihnen, der jüngste, wurde verurteilt und sitzt nun eine neunjährige Jugendhaftstrafe ab. Die beiden mitangeklagten älteren Brüder wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Nun wird der Prozess, zwei Jahre nach der Tat, neu aufgerollt. Der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs in Leipzig hob die Freisprüche für die beiden älteren Brüder Hatun Sürücüs auf und wies den Fall zur Neuverhandlung an das Berliner Landgericht zurück.

Der Bundesgerichtshof folgte damit dem Revisionsantrag der Bundesanwaltschaft. Der zuständige Bundesanwalt Hartmut Schneider kritisierte bereits während der Revisionsverhandlung die lückenhafte Beweiswürdigung des Berliner Landgerichts, das den Fall damals behandelt hatte. Viele wichtige Fragen seien seiner Ansicht nach vor dem Urteilsspruch im April 2006 nicht gestellt worden.

Nach Ansicht des Gerichts musste Hatun Sürücü sterben, weil sie die Ehre ihrer Familie verletzt hatte. Sie war ausgeschert und so für die Familie ein vermeintliches "Riesenproblem" geworden. Wie tief dieses Ehrgefühl in einigen Familien wurzelt und wie viel Verständnis für die sogenannten Ehrenmorde aufgebracht wird, zeigen die Reaktionen von Sürücüs Mitschülern an der Thomas-Murus-Hauptschule in Neukölln. Eine wie Hatun sei eine Schlampe, haben sie damals gesagt. Wenn sie wie eine Deutsche lebe, dann verdiene sie den Tod. Hatun Sürücüs Geschichte ist keineswegs ein Einzelfall in Deutschland, meist dringen die Tragödien aber nicht an die Öffentlichkeit . Frauen werden erwürgt, erstochen oder ertränkt, weil sie durch ihren Freiheitsdrang die Familienehre "beschmutzt" haben.