Soso. Die erfolgreiche Schriftstellerin und Dramatikerin Yasmina Reza hat also ein Buch über Herrn Sarkozy geschrieben. 100.000 Startauflage. Aber, das gehört sich doch nicht. Ich meine nicht die Startauflage (100.000!), sondern als Künstler Politiker zu lutschen. Apropos: Heute wollen wir in unserer Physiologiestunde mal wieder ein Gefühl untersuchen. Ein schlecht behandeltes und in grünen Glibbergrotten verstecktes Gefühl ist das, dessen sich der Mensch schämt: DER NEID.

Wir haben gelernt, dass Emotionen super sind. Ohne zu zucken, sagen wir: Ich bin very ehrgeizig. Ich bin traurig. Ich bin verliebt. Doch Neid zuzugeben, scheuen wir uns. Völlig zu Unrecht. Wie die Wissenschaft, die zum Teil aus mir besteht, herausfand, hilft der Neid dem Menschen bei seiner Weiterentwicklung. Und sei es nur der zum Vollidioten.

Wir wollen, was andere haben, also strengen wir uns an, es zu bekommen. Meist. Mithin wollen Leute, was andere haben, und machen dann Terrorattentate, um es ihnen zu nehmen. Oder stehen in Museen, schauen Kunst an, die sie nicht verstehen, und verhüllen ihren Neid unter Sätzen wie: Für so ´nen Scheiß bekommt der Geld. Das könnte mein Kind auch. Das sagt man heute nicht mehr, denkt es aber. Besonders eklig verbirgt sich der Neid in der Beurteilung von Dingen, von denen alle meinen, dass sie sie können. Schreiben zum Beispiel. Kann fast jeder und darum kann es jeder auch besser als ein Schriftsteller, dieser ARSCH. Oder Fußballspielen. Können alle Männer. Und wollen dafür auch gerne in der Woche 60.000 Pfund verdienen. Von solch raren Fällen abgesehen, ist der Neid etwas Produktives. Ohne die Hoffnung auf eine mögliche Verbesserung unserer Lebenssituation stürben wir. Oder vergammelten in Sofaecken. Je mehr wir wollen, und je mehr wir werden, umso schneller und geschnatzter wird die Welt, da wird betoniert und gekauft und operiert - der Neid ist ein rechter Racker.

Es ist ein Gefühl, das den Kommunismus verhindert und uns nach Höchstleistungen streben lässt. Reden wir offen darüber: Wir wollen die Besten sein, oder wenigstens so aussehen. Wir wollen reich sein, und das, weil es uns zusteht! So wie den anderen Millionen da draußen. Und jetzt mal die Ärmel hochgekrempelt. Wer schläft, kann nicht gewinnen. Und wenn wir auf der ganzen Linie versagen und unser Neid uns zerfrisst, dann können wir uns beeilen, wenigstens einen superherausragenden Abgang zu haben!

* Von dieser Woche an wird Sibylle Berg jede Woche einen Blick auf die Widrigkeiten und den Unsinn unseres Daseins werfen. Das neue Buch der Schriftstellerin Die Fahrt ist Mitte August im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. Mehr Infos dazu auf der Website der Autorin .