Die Diskussionen um die neue elektronische Gesundheitskarte (eGK), die von den einen als Wundermittel, von den anderen als Teufelszeug betrachtet wird, laufen ebenso wie die Vorbereitung seit Jahren. Bisher wurde die neue Karte nur in randständigen Regionen von Schleswig-Holstein und Sachsen getestet, nämlich in Flensburg und Löbau-Zittau. An diesem Montag nun startet ein Großversuch in den Ballungsgebieten von drei großen Flächenländern, in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Parallel dazu laufen die Vorbereitungen für den ganz großen Rollout: Bereits im zweiten Quartal kommenden Jahres sollen alle 82 Millionen Versicherte ihre Karte bekommen.

Die Stimmung ist trotzdem recht verhalten für eine Innovation, die von der Bundesregierung und der IT-Industrie als "Leuchtturmprojekt" gepriesen wird. Mit Ausnahme der Krankenkassen bezweifeln die meisten Beteiligten, dass die Gesundheitskarte wirklich Kosten spart und die medizinische Versorgung sicherer macht, wie ihre Erfinder sagen.

Und nicht einmal die Kassen sind sich einig: Die privaten Krankenversicherungen zum Beispiel zerbrechen sich den Kopf darüber, wie sie eine Karte einsetzen können, auf der ein vom Arzt ausgestelltes Rezept nur vorübergehend und in elektronischer Form - als eRezept - gespeichert ist. Der Apotheker löscht das eRezept von der Karte, wenn der Patient es einlöst, allein die Information über das Medikament bleibt auf dem Chip gespeichert. Privat Versicherte müssen ihre eingelösten Rezepte aber meist über ein ganzes Jahr sammeln und reichen sie dann nur zur Erstattung ein, wenn es sich rechnerisch für sie lohnt. Mit der elektronischen Gesundheitskarte allein geht das künftig nicht mehr.

Die Notlösung: Der Apotheker druckt den Privatpatienten ein Papierrezept für dessen Unterlagen aus. Auf dieser herkömmlichen Kopie ist unter anderem verzeichnet, auf welchem sogenannten Schwebeserver das eRezept bis zum Ablauf der Verrechnungsfrist geparkt wird, nachdem es von der Karte selbst gelöscht wurde. Insgesamt sind an dem Rezepteverkehr dann drei Vehikel beteiligt: Karte, Server und Papier. Und dieselbe Krämerei kommt auf jene Mitglieder der gesetzlichen Kassen zu, die eine private Zusatzversicherung abgeschlossen haben.

Diese und weitere Behelfslösungen hatte natürlich niemand auf dem Schirm, als vor wenigen Jahren die Planungen für die eGK begannen. Auslöser für das Projekt war der Lipobayskandal: Der Pharmariese Bayer musste seinen Blutdrucksenker Cerivastatin (Lipobay) 2001 vom Markt nehmen, nachdem eine schwere Wechselwirkung des Wirkstoffs mit einem weiteren Medikament Dutzende von Patienten getötet hatte. Solche Tragödien wollte man künftig verhindern, deshalb sollte jeder Patient einen elektronischen Medikamentenpass bekommen.