Vergangene Woche machte die Polizei einen Fund, der selbst erfahrene Beamte erschütterte. In einer privaten Notschlafstelle im 15. Bezirk war ein Bewohner mit einer Hantel erschlagen und ausgeweidet worden. Innereien des Toten lagen auf einem Teller angerichtet. Robert A.,19, Mitbewohner des Toten, stand mit blutverschmiertem Mund vor einer Putzfrau. Er soll die Tat im Wahn begangen haben. Warum hat das in einer betreuten Wohngemeinschaft niemand bemerkt? Wer hat Täter und Opfer überhaupt betreut? Wieso lebten die beiden zusammen? Wie gefährlich war Robert A.? Der Fall des "Kannibalen" gibt Einblicke in die alltäglichen Nöte von psychisch Kranken und ihren hilflosen Betreuern. Robert A. war nämlich so krank, dass ihm das Gericht einen Sachwalter bestellte. In dessen Auftrag kümmerte sich die Firma "Auftragssozialarbeit" des Sozialarbeiters Werner Opat um den Jungen. Es ist eine private Firma, die sich um jene kümmert, für die die Stadt Wien angeblich nicht mehr da ist. Opat berichtet hier nicht nur über das Leben und die Gefährlichkeit von Robert A., sondern auch über den Alltag von Menschen, die in ihren Wohnungen wie auf Müllhalden leben oder einfach vor die Tore der Psychiatrie gestellt - und dann vergessen werden.

Herr Opat, Robert A. lebte in einer Ihrer "betreuten Notschlafstellen". Drei Tage lang soll er seinen ermordeten Zimmernachbarn gegessen haben. Wie kann das in einer betreuten Wohnung passieren?

Werner Opat: Ich wurde von Journalisten in den letzten Tagen sehr massiv bedrängt. Fast hat es den Eindruck, ich trage Mitschuld an dem Fall. Ich will hier deshalb erstmals umfassend Einblicke in den Alltag von Menschen wie Robert A. und ihre Betreuung durch meine Firma geben.

Wie kam Robert A. zu Ihnen?

Über seinen Sachwalter. Ich bin diplomierter Sozialarbeiter und meine Firma "Auftragssozialarbeit" kümmert sich um psychisch kranke Menschen, die vom Gericht einen Sachwalter bekommen haben. Diese Sachwalter werden vom Gericht bestellt und kontrolliert. In unserem Fall sind es ausschließlich Rechtsanwälte, die die Sachwalterschaften kompetent führen. Sie lagern die soziale Betreuung an mich aus, weil sie nur für die Organisation der Betreuung zuständig sind und weil die Angebote der Stadt Wien nicht ausreichen. Sie bezahlen auch dafür - und verwendet das Vermögen der Betroffenen oder ihre Sozialhilfe. Wir haben Robert A. einmal die Woche besucht. Manchmal auch öfter. In der überwiegenden Zahl der Fälle reicht das.

Robert A. war den Gerichten also schon bekannt?

Das Pflegschaftsgericht ging davon aus, dass er sein Leben aufgrund seines Zustandes nicht mehr allein ordnen konnte. Aus seinen psychiatrischen Gutachten geht hervor, dass sich sein Zustand seit der Jugend verschlimmert hat. Er war schizophren und er galt als aggressiv. Er hat immer wieder Straftaten begangen.

Warum saß er nicht in einer psychiatrischen Anstalt?

Es waren kleine Delikte, Ladendiebstähle, die er begangen hatte. Die Gerichte sahen es nicht als erforderlich an, ihn "wegzusperren". Offensichtlich galt er nicht als gefährlich. Robert A. hatte aufgrund der Schwere seiner Krankheit auch keine Möglichkeit, in einer öffentlichen Einrichtung oder einer Wohngemeinschaft unterzukommen. Dort ist das Reglement mitunter sehr streng. In den städtischen Notschlafstellen konnte er die Hausordnungen nicht einhalten. Er hatte einen chronischen Zustand erreicht, der nur mit regelmäßiger Einnahme von Medikamenten verbessert hätte werden können. Doch die wollte er nicht nehmen. Das kann ein Teil des Krankheitsbildes von Schizophrenen sein, dass sie nicht akzeptieren wollen, dass sie krank sind.

Also hat ihn auch kein psychiatrisches Krankenhaus aufgenommen?

Genau - und gegen seinen Willen konnte er nicht behandelt werden. Denn seit der Psychiatriereform dürfen psychisch Kranke nur bei Fremd- oder Selbstgefährdung gegen ihren Willen festgehalten werden. Diese Gefahr sah die Justiz nicht als gegeben an.

Wieso haben sich seine Eltern nicht um ihn gekümmert?

Familien sind in solchen Fällen oft komplett überfordert. Um das Dilemma zu verdeutlichen: Herr A. war nach einem Bagatelldelikt sogar einmal kurz in der Justizanstalt Göllersdorf, der Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Eine Richterin rief mich an und fragte, was wir mit ihm nun tun sollen. Man muss sich das vorstellen! Selbst die Profis der Justiz wussten nicht mehr weiter.

Er war zu brav für das Gefängnis, zu gesund für die Psychiatrie, aber zu wirr für die Straße.

So kann man es sehen. Viele Patienten werden von den Institutionen entlassen - und sich selbst überlassen.

Die Medien beschreiben A. als Monster, als "Hannibal Lector". Wie wirkte er vor der Tat auf Sie?

Durchaus sympathisch. Doch er lebte aufgrund seiner Erkrankung in einer anderen Welt. Er glaubte, sehr reich zu sein. Er wollte sich ein Auto kaufen, stets viel Geld ausgeben. Es war schwer herauszufinden, welcher Teil seiner Erscheinung der kranke war. Er hat nur gefaselt, sprach verwaschen. Man musste ihn immer wieder "herholen" und sagen: "Langsam sprechen!" Oft kam es - etwa nach Diebstählen - zu Konfrontationen, die er nicht verstehen konnte. Immer wieder mussten wir ihn suchen, weil er irgendwo verschwunden war.

Gab es auch helle Momente?

Ja, etwa als er kurz im Otto Wagner Spital zur Behandlung war und seine Medikamente nahm. Da wirkte er "aufgeräumt". Er lernte, in dem Krankenhaus zu wohnen. Er genoss die körperliche Ruhe. Er sprach so langsam, dass man ihn verstehen konnte. Doch aufgrund eines "Fehlverhaltens" flog er aus der Psychiatrie - er hatte Kontakt mit Drogen.