Hinterm Zürcher Hauptbahnhof liegt der Bazillus Club , deutlich ab von der Bahnhofsstraße, unter der das Geld liegt, der unfassbare Reichtum der Schweiz. Hier, jenseits des Flusses, blinken kaum Reklamen, vorm Haus Nr. 21 gibt es sogar Parkplätze, die nichts kosten. Die Treppe führt hinunter in den Keller, 10 Franken Eintritt – 6 Euro – für anderthalb Stunden Musik im Quintett auf höchstem Niveau. Wo sonst gibt’s so was?

Es ist das 144. Konzert, das Nik Bärtsch und seine Band Ronin an diesem Montag im Bazillus Club geben. Sie spielen jede Woche hier, jeden Montag, immer um neun, immer für zehn Franken, seit Jahren. Die Wiederholung ist ein wesentliches Element ihrer Musik: Sie nennen es Ritual.

Module nennt Bärtsch seine Kompositionen; ein Modul fügt sich ans andere, es sind rhythmisch-melodische Figuren, die vor Lust beinah platzen, ihre Spannung über zehn, fünfzehn gefühlte Minuten aber kaum je entladen. Anfänglich war diese Musik einmal so etwas wie Minimal Funk, Steve Reich trifft James Brown , inzwischen ist sie nicht mehr gar so reduziert und kantig, sondern in sich zigfach gebrochen, irisierend und auch irritierend, wenn die virtuos inszenierten Takte so krumm werden, dass man als Hörer unwillkürlich denkt, da verspielen sie sich jetzt und müssen gleich abbrechen - sie halten aber die kaum auszuhaltende Balance. Verführung und Irreführung verschmelzen, das Publikum liegt zuckend in Trance.

Es hat Weltklasse, was hier gespielt wird, in diesem gemütlichen Keller, den sie jeden Montag für ihre Konzerte etwas umgestalten. Alles soll stimmen, Nik Bärtsch und Kaspar Rast, Organisatoren der Reihe, sind Perfektionisten nicht nur auf der Bühne.

Auf einem Tisch liegen die vielen CDs des Nik Bärtsch und seiner Mitstreiter, die ersten 2001 in Eigenregie erstellt, die letzte, vom Frühjahr 2006, beim weltweit operierenden ECM-Label erschienen. Stoa hat der eigensinnigen Band einen globalen Auftritt verschafft. Fünfstellig sind die Verkäufe, außerordentlich für intelligente, anspruchsvolle Musik jenseits aller Kategorien, und besonders in Amerika ist das Interesse groß. Eine Überseetour ist im Gespräch.

Nach dem Konzert steht Nik Bärtsch plaudernd im Eingang, so wach und froh wie am Klavier, ein Mann von Mitte dreißig, der zur Glatze ein Kinnbärtchen trägt, selbstbewusster Samurai des Zen Funks . Er entlässt die Besucher mit Hintergrundinformationen, die ihr Staunen noch mehren: Bärtsch und Rast mieten den Klub montags; die Einnahmen decken nicht die Ausgaben; die Band stützt sich auf Gönner, die von der musikalischen Sache so überzeugt sind wie die Musiker selber. Ein jeder Gönner gibt 500 Franken im Jahr, muss keinen Eintritt zahlen, bekommt die neue CD nach Erscheinen und weiß im Übrigen, dass er einer Band mit Zukunft das Wachsen ermöglicht. Wo sonst gibt’s so was?

Entwicklung brauche Zeit, sagt Bärtsch, sie vollziehe sich zwischen den Zeilen. Ronin nimmt sich diese Zeit. Man kann es hören, nächsten Montag.


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