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Da ist er wieder. Ali Akbar Hashemi Rafsandschani , Ex-Präsident Irans, früherer Oberbefehlshaber über die Streitkräfte, ist zum Vorsitzenden des Expertenrates gewählt worden. Damit hat der treue Begleiter Ajatollah Chomeinis nun eines der bedeutendsten Ämter inne, das der Iran zu vergeben hat. Er steht jenem Gremium vor, das die uneingeschränkte geistige und politische Autorität Irans, den Revolutionsführer, wählt und auch wieder absetzen kann.

Rafsandschani setzt im Iran Emotionen frei wie kaum ein anderer . Für viele gilt er, Revolutionär der ersten Stunde, als lebender Beweis für die Verlogenheit des Mullah-Regimes, das einst angetreten war, um die Reichtümer des Landes unter den Entrechteten zu verteilen. 27 Jahre nach der Revolution ist davon wenig zu spüren. Noch immer leidet die Bevölkerung trotz hoher Öleinnahmen unter Korruption, Arbeitslosigkeit und wachsender Armut. Gleichzeitig hat es eine kleine Schicht von Klerikern, Staatsbeamten und Händlern, zu denen auch Rafsandschani gehört, zu unermesslichem Reichtum gebracht.

Mahmud Ahmadineschad konnte sich in der Stichwahl um das Präsidentenamt 2005 keinen besseren Gegner wünschen. Sein wirtschaftspolitischer Populismus fand im schwerreichen Rafsandschani seine sinnbildliche Bestätigung. Ahmadineschad errang einen Erdrutschsieg.

Doch zwei Jahre nach dem Triumph hat sich die Stimmung gedreht. Die inkompetente Wirtschaftspolitik des Präsidenten hat die Inflation weiter angeheizt. Gleichzeitig war er bisher nicht imstande, die Korruption zu beseitigen oder die Pfründe der milliardenschweren halbstaatlichen Stiftungen anzugreifen. Als Ahmadineschad kürzlich die Subventionen für die Benzinpreise kürzte, erreichte seine Popularität einen neuen Tiefpunkt.

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So gelang es Rafsandschani, in eine neue Rolle zu schlüpfen. Er, der bis 2005 die gesellschaftspolitischen Reformen Präsident Chatamis torpedierte und in seiner Zeit als Präsident unter anderem für das Mykonos-Attentat verantwortlich zeichnete, ist jetzt Hoffnungsträger all derer, die einen schleichenden Militärputsch durch die Hardliner um Ahmadineschad befürchten. Zu dieser Gruppe gehört ein bedeutender Teil der Kleriker, die mit Argwohn beobachten, wie der Präsident immer weitere Staatsämter mit ehemaligen Revolutionsgardisten besetzt. Selbst die seit dem Ausscheiden Chatamis marginalisierten Reformer unterstützen ihn.

Obwohl die Wahl keine öffentliche war, hatten die verfeindeten Lager in den vergangenen Wochen einen veritablen Wahlkampf geführt. So hatte Ajatollah Scharoudi, Chef der Justiz und einer der wichtigsten Kleriker im Lande, Ahmadineschad in bisher ungekannter Offenheit für seine Personalpolitik kritisiert. Ebenso ungewohnt war die postwendende Reaktion der Regierung, die sich die Einmischung in ihre Amtsgeschäfte verbat.

Einen weiteren Höhepunkt erreichte die Konfrontation, als Rafsandschani in seinen Memoiren behauptete, Revolutionsführer Chomeini habe in den achtziger Jahren zugestimmt, die Parole "Tod Amerika" nicht mehr zu benutzen. Regierungsbeamten zufolge wurde der Vertrieb des Buchs eingestellt - ein Affront.

Rafsandschanis Äußerung traf ins Mark. Denn in der aktuellen Auseinandersetzung beziehen sich beide Lager auf Chomeini: Ahmadineschad, der für sich in Anspruch nimmt, die Republik wieder auf den ursprünglichen Pfad des Imam zurückzuführen, ebenso wie Rafsandschani, der sich mit seiner gemäßigten außenpolitischen Linie auf die späten Einsichten Chomeinis bezieht. Der Kampf um die Deutung des Chomeini-Erbes betrifft alle Politikfelder, vor allem aber Außen- und Wirtschaftspolitik. Ahmadineschad tritt für eine staatsinterventionistische Wirtschafts- und eine konfrontative Außenpolitik ein, Rafsandschani befürwortet einen liberaleren Wirtschaftskurs und einen diplomatischeren Umgang mit dem Westen. Einig sind sich beide Lager in der Frage der Urananreicherung.

Sein Erfolg gegen Ajatollah Ahmad Jannati, den Kandidaten der Hardliner um Ahmadineschad, und seinen religiösen Mentor Ajatollah Mesbah-Yazdi ist jedoch zunächst kaum mehr als symbolisch. Im Expertenrat ist die Mehrheit entscheidend. Wenige Monate vor den Parlamentswahlen im Februar ging es dem Rafsandschani-Lager vor allem um einen "Prestigeverlust" für den Präsidenten, sagt Henner Fürtig vom German Institute of Global and Area Studies (GIGA) . Doch kann man die Entscheidung des auf zehn Jahre gewählten Gremiums auch als Hinweis verstehen, auf wen im Fall des Ablebens des greisen Revolutionsführers Chamenei seine Wahl fallen wird. Rafsandschani werden Ambitionen auf diesen Posten nachgesagt.

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In einer Rede kurz vor seiner Wahl gab er einen Vorgeschmack darauf, wie er sich in den kommenden Jahren Mehrheiten zu verschaffen gedenkt. Der Expertenrat, sagte Rafsandschani, solle eine aktivere Rolle in der iranischen Politik spielen. Auch zur Außenpolitik nahm er Stellung. "Bösartig" seien die Pläne, Iran zu isolieren. Man müsse nun verhindern, in die Fallen zu tappen, die der Westen ausgelegt habe.

Ob das außenpolitische Entspannung oder Konfrontation bedeutet, wird Rafsandschani beizeiten entscheiden. Wohl vor allem danach, woher innenpolitisch gerade der Wind weht.

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