Fast eine Viertelstunde lang standen die Zuschauer da und klatschten. Drei Minuten bevor die entscheidenden Punkte gelb auf der schwarzen Anzeigetafel auftauchten, neun nachdem jeder der 8500 Zuschauer in der Stuttgarter Schleyerhalle sah, wie die Kampfrichter gewertet hatten. Erst hatte ein ohrenbetäubender kollektiver Schrei die Halle durchzogen, als Fabian Hambüchen seinen Abgang, einen Doppelsalto gestreckt mit doppelter Schraube, gestanden hatte, dann ging alles in dieses rhythmische, fröhliche Klatschen über. Keiner wollte auf die Wertung warten, die meisten wussten, dass Fabian Hambüchen gerade Weltmeister am Reck geworden war. Und wer es nicht wusste, der wurde einfach mitgerissen von der Atmosphäre, die so charakteristisch für die ganze Kunstturn-Weltmeisterschaft war.

Hambüchen stand sekundenlang da, die Fäuste gereckt, der Blick eine Mischung aus entschlossen und triumphierend, dann schrie er irgendwas, das der Lärm verschluckte. Ganz kurz noch steigerte sich der Jubel, als die Wertung, 16,250 Punkte, auftauchte, die Bestätigung, dass Fabian Hambüchen aus Wetzlar, 19 Jahre alt, Gold gewonnen hatte.
"Ein Märchen", verkündete Rainer Brechtken, der Präsident des Deutschen Turner-Bundes.

Na ja, ein Märchen war’s natürlich nicht. Vor Hambüchen waren zuletzt schon Andreas Wecker (1995) und Eberhard Gienger (1974) Reck-Weltmeister geworden. Es war vor allem eine exzellente psychische Leistung. Hambüchen turnte die schwerste Reck-Übung der Welt, mit dem weltweit höchsten Schwierigkeitsgrad (7,0). Er gehörte, rein sportlich, zu den Favoriten. Aber durch Bronze im Teamfinale und Silber im Einzel-Mehrkampf hatte er den Erwartungsdruck so sehr gesteigert, dass schon Silber fast wie eine kleine Enttäuschung wirken musste.

"Der Junge hat Nerven wie Drahtseile", sagte Andreas Hirsch. Ansonsten war der Chef-Bundestrainer "fast sprachlos". Hambüchen selber gab ein paar Minuten später erstaunlich abgeklärt Interviews. Da präsentierte sich ein Mann, der gerade ein bisschen Party gemacht hatte. Der Druck? Da zog Hambüchen die Brauen hoch und lächelte milde über so eine törichte Frage. "Ich hatte keinen Druck, ich hatte Spaß. Je mehr Leute kommen, umso besser für mich." Und die Stimmung? "Die fand ich lustig." Lustig, aha.

Es war fast klar, dass die Abgeklärtheit gespielt war und nur als Fassade diente. Und dass da einer in diesem Moment einfach noch nicht richtig begriffen hatte, was da passiert war. Denn ein paar Minuten später, als der größte Trubel vorüber war, da redete der neue Weltmeister weitaus weniger gelassen. "Es muss sich erst alles setzen." Die erste Flut von Emotionen hatte ihn schon im Moment der Landung überrollt. "Nach meinem Abgang musste in meinen Gesten alles raus, was drin war. Ich war da nur noch leer. Es war die beste Übung meines Lebens", sagte Hambüchen.

Er hatte nämlich gezittert bei seiner Übung. Als er zweimal den Tkatschew zeigte, ein sehr anspruchsvolles Flugteil, da befürchtete er, es könne noch alles schiefgehen. Erst als er seinen Abgang optimal demonstriert hatte, da "wusste ich, dass ich den Titel hatte". Robert Juckel, sein Teamkollege, hatte mitgezittert. "Wahnsinn", sagte er später, "dass er dem Druck so standgehalten hatte."