Die Verhaftung schockierte Deutschland. Es sei, so schrieben Zeitungen, der wohl gefährlichste Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik verhindert worden. "Es geht jetzt darum, was wir aus dem Fall lernen", sagte Innenminister Wolfgang Schäuble. Verfolgt man jedoch die politische Debatte, scheint es, dass es nicht die besten Schlüsse sind, die gezogen werden. Um Onlinedurchsuchungen geht es vornehmlich und darum, künftig die Personalien von Chemikalienkäufern zu registrieren.

Dabei ist die Lehre eine andere. Der Soziologe Mike Davis hat sie aufgeschrieben, in seinem Buch Buda’s wagon – a brief history of the carbomb . Schön ist sie nicht: "In Wahrheit werden Städte so groß wie Bagdad, London oder Los Angeles mit ihrer enormen Menge an Autos, Lastwagen und Bussen und ihren tausenden von verletzlichen Institutionen und Knotenpunkten der Infrastruktur niemals absolut zu schützen sein. Wie Drogendealer werden Autobomber immer einen Ort finden, um ihr Geschäft auszuüben."

Dank der Industrialisierung unserer Gesellschaft gibt es die Grundstoffe überall: Kunstdünger, Diesel und ein gestohlenes Auto. Längst muss kein industrieller Sprengstoff mehr gestohlen werden, um Terror zu verbreiten. Ein Kofferraum voller mit Dieselbenzin vermengtem Stickstoffdünger – ANFO genannt – kann ein ganzes Haus verwüsten, wie beispielsweise die IRA in London bewies. Deutscher Kunstdünger hat dazu, genau aus diesem Grund, die falsche Struktur, doch gibt es den nötigen im europäischen Ausland. Man braucht zwar eine große Menge, um Wirkung zu erzielen. Jedoch lässt sich diese gut in einem Auto verstecken – dem unauffälligsten Transportmittel in modernen Städten.

Die Waffe hat eine lange Geschichte. Ihr Aufstieg begann, wie Davis in seiner Studie beschreibt, in den vierziger Jahren in Palästina. Sie wurde in den Fünfzigern im Vietnamkrieg eingesetzt, in den Sechzigern in Algerien und später von der IRA. Sie führten Mitte der achtziger Jahre in Beirut dazu, dass die US-Regierung unter Ronald Reagan ihre Truppen aus dem Libanon abzog.

Doch hat der Aufstieg lange noch nicht sein Ende erreicht. Im Zeitalter der Marschflugkörper, der "Bunkerknacker" und "intelligenten Bomben" sind selbstgebaute Autobomben brutaler und gefährlicher denn je, wie Afghanistan und vor allem Irak zeigen. Laut Davis explodierten dort 2003 nach Beginn der Besetzung 19 Autobomben, im Jahr darauf waren es bereits 122, im Jahr 2006 schon 300. Tausende Menschen starben durch sie. Letztlich sind sie genauso "intelligent" wie die Hunderttausende Dollar teuren GPS-gelenkten Bomben der amerikanischen Luftwaffe – lassen sie sich doch ebenso direkt ins Ziel steuern.

Diese Waffe ist verbreitet und überlegen. So verwundert es nicht, dass sie auch in Deutschland  bereits zum Einsatz gekommen ist, einem der wohl am besten gesicherten Länder dieser Welt. Die drei Verhafteten waren nicht die ersten, die es hier versuchten. Die Rote Armee Fraktion (RAF) tötete mit Autobomben das Siemens-Vorstandsmitglied Karl Heinz Beckurts und seinen Fahrer sowie zwei Amerikaner auf einem US-Luftwaffenstützpunkt in Frankfurt.