Das war ein Knaller. Bis zum vergangenen Freitag ging das Gros der Volkswirte davon aus, dass im August in den USA außerhalb des Landwirtschaftssektors 100.000 neue Stellen geschaffen worden waren. Tatsächlich wurden 4000 Stellen abgebaut. Für die Börse war das eine der wichtigsten Konjunkturinformationen der vergangenen Wochen. Die Anleger reagierten erschrocken: In New York fiel der Dow Jones um 1,87 Prozent, in Frankfurt der Dax um 2,43 Prozent.  

In Deutschland gibt die Bundesagentur für Arbeit (BA) einmal im Monat die aktuellen Arbeitsmarktdaten heraus. Meist sind sie schon am Tag vor ihrer Veröffentlichung bekannt. Wenn die BA sie dann offiziell vorstellt, bergen sie für die Finanzmärkte nahezu keine neuen Informationen. Die Kurse treiben sie nicht.

Ganz anders verhält es sich in den USA: Dort interessieren sich die Börsianer vor allem für die Daten des Arbeitsmarktes außerhalb der Landwirtschaft. Sie ist nämlich durch vergleichsweise große saisonale Schwankungen gekennzeichnet. Lässt man sie außen vor, sind grundlegende Trends besser zu erkennen. Und weil die Arbeitsmarktstatistik über 700 Zeitreihen enthält, die über Angebot, Nachfrage und Inflationsdruck informieren, stellen sie in der Regel die wichtigste Konjunkturinformation dar, die es gibt. Entsprechend gespannt wartet man an den Finanzmärkten auf ihre Veröffentlichung – obgleich die Kurse nicht immer darauf reagieren.

Der vergangene Freitag brachte jedoch eine große Überraschung. Dass die monatliche Statistik in den USA einen Stellenabbau ausweist, kommt sehr selten vor, zuletzt im September 2005, davor im Lauf des Jahres 2003 und Ende 2002. Doch normalerweise fördern das allgemeine Bevölkerungswachstum und die regelmäßigen Ströme an Zuwanderern in den USA eine Grundtendenz, neue Jobs zu schaffen. Sinkt die Zahl der Stellen dennoch, ist das ein deutliches konjunkturelles Warnsignal, das den Börsianern entsprechende Sorgen bereitet.

Sicher, es kommt immer wieder zu Revisionen. Sie können letztendlich zu Zahlen führen, die mit den ursprünglich veröffentlichten Daten kaum etwas gemein haben. Doch die Umfrage, auf der die Statistik basiert, ist die größte regelmäßige sozioökonomische Umfrage weltweit. Für sie werden Monat für Monat in den USA über 300.000 Unternehmensvertreter befragt. Aus Sicht der Finanzmärkte sind jene Daten, die als Erste veröffentlicht werden, die wichtigsten.

Aus diesem Grund ist es auffällig, dass die Kommentatoren schon am Freitag versuchten, die schlechten Nachrichten zu verdrängen. Viele äußerten die Hoffnung, die aktuellen Zahlen stellten nur einen statistischen Ausrutscher dar, der vielleicht im kommenden Monat schon wieder revidiert werde. Das kam durchaus schon vor. Häufig blieb von einem ursprünglich gemeldeten Stellenabbau, falls er auf einen Monat beschränkt war, nach wenigen Revisionen nichts mehr übrig. Doch wenn der negative Trend sich fortsetzte, war die Rezession nahe. Vor ihr fürchten sich die Börsianer im Angesicht der Hypotheken- und Kreditkrise ohnehin.

In den kommenden Tagen werden die Anleger also neue Konjunkturdaten, für die sie sich noch vor wenigen Wochen kaum interessierten, mit besonderer Spannung erwarten. Die Kurse dürften an Tagen, die Neues bringen, stärker schwanken. Und nur wer daran glaubt, dass die US-Wirtschaft weiter boomt, sollte jetzt noch auf steigende Kurse setzen.

Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität, München.