Wochenlang grübelte Deutschland: Wer macht denn so was? Wer schaltet ganzseitige Werbeanzeigen in den Tageszeitungen, auf denen ein Riesenbagger einen Fernseher überfährt? Warum baut ein junger Mann ein Atomkraftwerk aus Sand am Strand? Seit Punkt 10 Uhr Mittwoch morgen wissen wir es: der Essener RAG-Konzern macht so was – Verzeihung: "Evonik Industries". Das ist der neue Name des Mischkonzerns, ein Kunstwort, an dem der Werbeguru Manfred Gotta, der Erfinder von Namen wie "smart" oder "megapearls" offensichtlich wochenlang grübelte. Mit dem Imagewechsel will sich RAG neu erfinden und vor allem für den geplanten Börsengang ins Gespräch bringen.

Vor allem das Firmenhochhaus des Ruhrgas-Konzerns stand seit Tagen im Mittelpunkt der Kampagne – seit knapp einer Woche prangte ein riesiges "Guten Tag – wir sind neu hier"-Plakat an der Fassade. In einigen Büros hinter den verkleisterten Fenstern müssen die Mitarbeiter jetzt sogar bei Kunstlicht arbeiten. Stolz enthüllte Firmenchef Werner Müller heute morgen den neuen Firmennamen. Geschätzte 20 Millionen Euro war ihm die Werbeaktion wert.

Bis ins Detail wurde der Imagewechsel inszeniert. Die einstige Ruhrkohle AG, sonst in dezentem dunkelblau unterwegs, bekommt sogar eine individuelle Hausfarbe verpasst – "deep purple", ein zurückhaltender Lilaton. Für die Pressekonferenz hatte Konzernchef Müller gar eine passende Krawattenfarbe ausgewählt. Geht es nach der der RAG, soll am besten der gesamte Ruhrpott in "deep purple" erstrahlen. Als erstes trifft es am kommenden Freitag den Fußballverein Borussia Dortmund. Beim Heimspiel gegen Werder Bremen werden die Kicker erstmals in den neuen lilafarbenen Trikots des Sponsors auflaufen.

Bislang bestand die RAG aus zwei Firmenteilen: der "schwarzen Sparte", die den öffentlich subventionierten Bergbau umfasst und der "weißen Sparte", zu der unter anderem der Chemiekonzern Degussa, der Stromkonzern Steag und eine der größten Wohnungsbaugesellschaften Deutschlands gehört. Diese "weiße" Sparte will Müller an die Börse bringen. Doch Börsianer verlangen eben nicht nur dröge Bilanzen, sondern auch ein modernes, dynamisches Image – was der neue "kreative Industriekonzern" jetzt liefern will. "Wir müssen uns effektiv in der Öffentlichkeit bekannt machen", erklärte eine Sprecherin die gigantische Werbeaktion.

Doch von dem schnellen Börsengang im Frühjahr 2008 scheint Konzernchef Müller gleich wieder abzurücken: "Weiß ich, wie das Börsenumfeld im nächsten Jahr ist?" Die amerikanische Hypothekenkrise, die derzeit die Stimmung an den Kapitalmärkten verschlechtert, scheint ihn zögern zu lassen. Man überlege stattdessen, eine "erste Tranche" an einen Investor zu verkaufen, um die Attraktivität von Evonik vor dem Gang aufs Parkett steigern zu können, sagte Müller. Ein Investor käme dann zum Zuge, wenn er "einen deutlich höheren Preis" böte, als die erste Tranche an der Börse erlösen würde. Wer für ein Investment in Frage kommt, ist noch unklar, selbst der Finanzinvestor Cerberus ist im Gespräch.

Der Börsengang ist für die RAG entscheidend, weil die Einnahmen die Folgekosten aus der "schwarzen Sparte", also dem Steinkohlebergbau, finanzieren sollen. Denn nach fast hundert Jahren Untertagebergbau gilt der Ruhrpott als "fast komplett abgesackt und durchlöchert", wie es die Umweltorganisation BUND formuliert – im Bürokratendeutsch spricht man von "Ewigkeitskosten". Straßen reißen auf, Hausbesitzer ärgern sich über Risse in den Fugen, weil der Boden absackt, und im Garten wölbt sich der Rasen. "Manche Häuser stehen jetzt auf einer Erdstufe", sagt Klaus Friedrichs vom Landesverband der Bergbaubetroffenen, "die ist vielleicht nur 20 Zentimeter hoch, aber das Haus ist ein Totalschaden und muss abgerissen werden." Vor allem aber macht der Grundwasserpegel Sorgen. Denn in den alten Flözen steigt das Wasser auf und muss in der gesamten Region mit riesigem Aufwand abgepumpt werden