Die Geschichte der Familie McCann hat verschiedene Ebenen von Grauenhaftigkeit. Sehr viele Menschen konnten sich zunächst mühelos in die albtraumhafte Lage von zwei Eltern versetzen, deren kleine Tochter buchstäblich unter ihren Augen gekidnappt worden zu sein schien. Und obwohl die beispiellose weltweite Öffentlichkeitskampagne, die Kate und Gerry McCann zur Suche nach Madeleine anstrengten, auch Befremden auslöste - müssten Trauer und Entsetzen nicht zu einem in-sich-gekehrteren Verhalten führen? - so mochte doch kaum jemand kritisieren, was für die beiden offenkundig auch therapeutische Funktion hatte. Therapie, die im Übrigen hätte nützen können. Wenn das Kind wirklich entführt worden wäre.

Daran gibt es inzwischen offenbar tief gehende Zweifel. Die portugiesische Polizei hat Kate McCann gestern elf Stunden lang befragt und weist ihr heute nach BBC-Berichten offiziell den Status einer Verdächtigen zu. Alle, die mit den McCanns gefühlt haben, sind entgeistert: Zeigt sich hier ein weiteres Mal die vermeintliche Inkompetenz der portugiesischen Behörden, die die Ermittlungen vier Monate lang verschleppten und jetzt einen Sündenbock brauchen - eine Argumentationslinie, die aus dem Umfeld der McCanns zu hören ist und an die sich auch britische Zeitungen wenigstens bis gestern noch klammerten? Oder müssen wir das eigentlich Undenkbare denken: dass Madeleine nicht entführt wurde. Dass ihre Eltern das wissen; und wissen, was ihr widerfahren ist; und der Welt eine gigantische Lügengeschichte erzählten?

Niemand vermag zu diesem Zeitpunkt zu sagen, ob es sich so verhält. Aber eins ist es nicht: undenkbar. Alle Statistiken über Gewalt gegen Kinder, in welcher Form auch immer, lenken den Blick auf das nähere Familienumfeld. Dass ein lebhaftes Kleinkind, von seinen Eltern abends allein zu Hause gelassen, einen tödlichen Unfall erleidet, ist im Bereich des Vorstellbaren. Dass Eltern, die dies bemerken, in ihrer Bestürzung, Angst, Panik und gebeutelt von Schuldgefühlen spontan versuchen, die Katastrophe zu vertuschen, mag für absurd erklären, wer Vergleichbares selbst schon überstanden hat. Aber in einer solchen Lage eine solche Kampagne? Die Reise zum Papst, das Internet-Tagebuch, die Gummiarmbänder, die Pressekonferenzen, die Videos, die öffentlichen Auftritte, die Interviews - sprengte dieses Verhalten nicht jedes Vorstellungs-, jedes normale Einfühlungsvermögen?

Nicht, wenn man bedenkt, dass wir es mit einer hochmodernen Tragödie zu tun haben. Am Tag zwei nach dem Ereignis übernahm ein professioneller Medienberater die Öffentlichkeitsarbeit: Der Reiseveranstalter stellte den McCanns Alex Woolfall von der renommierten Londoner Beraterfirma Bell Pottinger zur Seite. Der wird nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben, als er eine hocheffiziente und erfolgreiche PR-Strategie entwickelte - die zum Ziel hatte, ein vermeintlich entführtes Mädchen dauerhaft im öffentlichen Bewusstsein zu halten. Daraus wurde, unter tätiger Mithilfe der McCanns, eine Mega-Maschine, aus der zu einem späteren Zeitpunkt auszusteigen für die Eltern in vielerlei Hinsicht eine Art Selbstaufgabe bedeutet hätte. Und so taten sie es nicht.

Es dürfte kaum je ein Familiendrama gegeben haben, bei dem man sich so von Herzen wünschte, dass sich die aktuellen Verdächtigungen, die allfälligen Gerüchte und Ahnungen als falsch herausstellen - und gleichzeitig leben die Medien, denen die McCanns so überbereitwillig die Hand reichten, von genau diesen Gerüchten und Ahnungen. Selbst wenn sich alles, was jetzt über den möglichen Tod Madeleines und eine etwaige Beteiligung der Eltern gemutmaßt wird, als falsch erweist, werden die McCanns mit einem beschädigten Leben zurückbleiben, und der Pakt mit der Öffentlichkeit, der so vielversprechend schien, wird nichts als Zerstörung hinterlassen.