Die Eltern eines verschwundenen Kindes, die der Polizei seit Kurzem als potenzielle Verdächtige gelten, kehren vom Ort des mutmaßlichen Verbrechens nach Hause zurück. Eigentlich ein eher schlichter Vorgang. Doch in seiner öffentlichen Begleitung steigerten sich die Medien seit dem Wochenende in Großbritannien, aber längst nicht nur dort, in eine Art von atemloser, hysterischer Nonstop-Berichterstattung hinein, wie sie früher nur Mondlandungen und heute Kriegsausbrüchen, Terroranschlägen oder Naturkatastrophen zuteil wird.

Von der öffentlich-rechtlichen BBC bis zum kommerziellen Sky News übertrug das Fernsehen jede Autofahrt, hielten Kameramänner beim Ein- und Aussteigen ins Flugzeug dicht auf die Akteure, beleuchteten Blitzlichtgewitter den Heimweg der Eltern von Portugal ins mittelenglische Dorf Rothley nahe Leicester Rothley . Von dort war die damals noch fünfköpfige Familie McCann vor 158 Tagen mit den zweijährigen Zwillingen Sean und Amelie und der damals noch dreijährigen Tochter Madeleine zum Kurzurlaub nach Praia da Luz aufgebrochen. Am Abend des 3. Mai verschwand dort Madeleine aus der Ferienwohnung der Familie.

Die wirklich gesicherten Fakten über den Fall sind an einer Hand abzuzählen. Was genau an besagten Abend und später passiert ist, welche Spuren die Polizei verfolgt – niemand kann dies mit Sicherheit sagen, und die meisten Journalisten geben das auch unumwunden zu. Geändert hat sich seit vergangener Woche, dass Kate und Gerry McCann von der portugiesischen Polizei als "arguido", als potenziell Verdächtige, behandelt werden , ein Status, der ihnen juristischen Beistand bei Verhören und das Recht auf Aussageverweigerung gewährt. Mit diesem Status lebt sei Mai auch ein Brite, der mit seiner Mutter in einer benachbarten Villa wohnt. Niemand geht derzeit davon aus, dass er noch verdächtig ist, für das Verschwinden Madeleine McCann verantwortlich zu sein.

Der Medienhysterie tut dies alles keinen Abbruch, den Spekulationen über die McCanns sind keine Grenzen mehr gesetzt. Sie sind auch längst ein globales Phänomen. Von Sydney bis Vancouver, fast überall auf der Welt lösen derzeit Hobby-Hercule-Poirots den Fall vom Sofa aus. Am Wochenende verzeichnete Google News über 4300 Artikel aus aller Welt über die Heimkehr der McCanns (über den Bericht von US-General David Pretraeus zu Erfolg oder Misserfolg der amerikanischen Militärstrategie im Irak am Montag zählte Google News am Dienstagmorgen dagegen nur um die 2000). Agenturberichte darüber waren auf Nachrichtenwebsites oft "die am meisten gelesenen".

Daran sind die McCanns nicht unschuldig. Nachdem die portugiesische Polizei ihrer Ansicht nach mit zu wenig Nachdruck ermittelte, startete die Familie mit professioneller PR-Hilfe der Agentur Bell Pottinger und später einer Pressesprecherin aus den Reihen des britischen diplomatischen Dienstes eine Kampagne zur Suche des Kindes, die ein bisher unbekanntes Ausmaß erreichte.

Doch selbst die war Anfang August trotz aller gewieften Medienorchestrierung schon fast erlahmt, bevor Nachrichten von Blut- und anderen DNA-Funden im Sommerloch dem Fall eine neue Richtung gaben, und die Eltern nun im Zwielicht erscheinen .