Sieben Jahre nach ihrem kapitalismuskritischen Bestseller No Logo legt die Kanadierin Naomi Klein eine neue Interpretation der Globalisierung vor: Die Schock-Strategie . Der Siegeszug der freien Märkte auf der Welt? Nichts als eine Verschwörung von Folterknechten, radikalen Ökonomen und raffgierigen Konzernchefs. Nach 763 Seiten Lektüre hatte THOMAS FISCHERMANN immer noch einige Fragen. Hier lesen Sie Auszüge aus seinem langen Gespräch mit der Autorin in Toronto.

ZEIT online: In Ihrem Buch werfen Sie alle möglichen Dinge zusammen: Die Globalisierung hat für Sie mit der Elektroschock-Folter in Lateinamerika zu tun, mit dem amerikanischen Geheimdienst CIA, sogar der Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman ist da verstrickt. Haben Sie eigentlich noch alle Tassen im Schrank?

Naomi Klein: Meinen Sie?

ZEIT online: Ich frage Sie.

Naomi Klein: Bestimmt werden viele Leute gerne behaupten, dass ich durchgedreht bin. Ich bin da für alles offen. Doch die Zusammenhänge zwischen diesen verschiedenen Arten von Schocks sind sehr wohl dokumentiert.

ZEIT online: Sie meinen, zwischen den Elektroschocks der Folter und den Anpassungsschocks nach Wirtschaftsreformen, die Sie in Ihrem Buch so dicht aneinander rücken.

Naomi Klein: Die einzelnen Fakten zweifelt auch niemand an. Was einige Leute verärgern wird, ist, dass mein Buch Verbindungen herstellt. In Lateinamerika sieht man es übrigens schon länger so wie ich. Gleich zu Beginn zitiere ich den Schriftsteller Eduardo Galeano aus Uruguay, der 1981 schrieb: Wie kann man denn die ökonomischen Schocks ohne die Elektroschocks aushalten?

ZEIT online:Milton Friedman , der in den 1970er Jahren den chilenischen Diktator Augusto Pinochet beriet, erklären Sie zu einem Monster. Jeffrey Sachs kommt nicht viel besser weg – und das ist immerhin Bonos Lieblinksökonom, der in Afrika Modelldörfer aufbaut und die Armut abschaffen will.

Naomi Klein: Was ich über Pinochet sage, haben in den 1970er Jahren viele gesagt. Es stand sogar in der New York Times . Dieses Regime konnte seine Reformen nur unter Repressionen durchsetzen. Waren die Wirtschaftsberater nicht mitverantwortlich dafür? Wir haben das nur vergessen. Friedman bekam den Nobelpreis, und als er starb, wurde er gefeiert.

ZEIT online: Und Jeffrey Sachs?

Naomi Klein: Das ist etwas Anderes. Friedman war ein Monster. Jeffrey Sachs ist meiner Meinung nach kein Monster. Er denkt aber sehr ungern über die Repressionen nach, mit denen Politikverschreibungen umgesetzt werden mussten, die er selber als ökonomische und demokratische Erfolge bezeichnet.

ZEIT online: Sie sprechen von Bolivien, wohin Jeffrey Sachs als Berater gerufen wurde.

Naomi Klein: Sachs erwähnt in seinem eigenem Buch kein einziges Mal, dass sie dort zweimal den Ausnahmezustand verhängt haben oder dass die Gewerkschaftsführer im Dschungel inhaftiert wurden. Ich will gar nicht behaupten, dass es da eine Kausalität gab. Aber wie kann das so unwichtig sein, dass man es nicht erwähnt? Wie kann es angehen, dass ein renommierter Akademiker so selektiv Geschichte schreibt?

ZEIT online: Sie haben sich ja mit Jeffrey Sachs getroffen, aber die passende Passage in Ihrem Buch ist recht kurz ausgefallen. Wie lief das Gespräch denn so?

Naomi Klein: Wir haben uns eine Stunde lang unterhalten. Er war unheimlich defensiv. Als es zum Beispiel um Russland ging ...

ZEIT online: ... wo Jeffrey Sachs auch als Wirtschaftsberater mitwirkte ...

Naomi Klein: ... fragte er mich: Warum geben Sie die Schuld nicht anderen Ökonomen? Wir haben dann über ökonomische Zyklen gesprochen, hatten einen interessanten Gedankenaustausch über den Marshallplan , über Macht und Politik. Es war keine feindselige Konversation.