Es ist nicht das erste Mal, dass darüber berichtet wurde, es handelt sich auch beileibe um kein weitverbreitetes Phänomen. –Dennoch sahen sich die israelischen Fernsehzuschauer am Sonntagabend mit großer Bestürzung Szenen aus der heimischen Neonazi-Szene an. In diesem Milieu, das es offiziell nun auch in Israel gibt, werden orthodoxe Juden angegriffen und dunkelhäutige Gastarbeiter geschlagen. Genauso wie man das eigentlich aus Deutschland oder Frankreich kennt. Bei der Verhaftung von acht Mitgliedern einer Neonazi-Bande im Großraum Tel Aviv hatte die Polizei Videos beschlagnahmt, die von den Schlägern aufgenommen worden waren.

Da alle aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, war man nun sofort bemüht, Ursachenforschung zu betreiben, ohne aber deshalb gleich die gesamten „russischen“ Einwanderer als Risikogruppe zu brandmarken. „Die Rede ist von zehn bis zwanzig Jugendlichen, die der jüdischen Gemeinschaft etwas schreckliches antun", sagt Amos Hermon von der Jüdischen Einwandererbehörde (Jewish Agency), der mit dem Kampf gegen Antisemitismus beschäftigt ist. Diese kleine frustrierte Minderheit, die unter Integrationsproblemen leide, versuche ihre Aggressionen mit denselben Mitteln auszudrücken, unter denen ihre Familien in der Vergangenheit in der ehemaligen Sowjetunion gelitten hätten.

Bei näherer Betrachtung stellte sich auch schnell heraus, dass keiner der Verhafteten selbst jüdisch im Sinn der Halacha, des jüdischen Religionsgesetzes, ist. Nach der Halacha ist jemand jüdisch, der eine jüdische Mutter hat oder dessen Mutter zum Judentum übergetreten ist. Um jedoch nach Israel einzuwandern, genügt es, auf ein jüdisches Großelternteil verweisen zu können, oder mit einem solchen Einwanderer verheiratet zu sein.

Man kann auch russischen Israelis begegnen, die demonstrativ ein kleines Kreuz an einer Halskette tragen. Falls es als Provokation getragen wird, ist es nicht mit der Sprengkraft einer Hakenkreuz-Tätowierung zu vergleichen, die 2005 auf dem Arm von Vladimir Tronorotsky entdeckt wurde, nachdem er wegen Drogenhandels verhaftet worden war. Das Foto erschütterte das Land; eine Hausdurchsuchung in Ariel, einer Siedlung im Westjordanland, förderte jede Menge Neonazi-Materialien zutage. Als Vladimir Tronorotsky seinem Vater erstmals seinen tätowierten Arm gezeigt hatte, sagte dieser zu ihm: "Bist du verrückt? Weißt du, was das ist? Es ist das Nazi-Symbol. Dein Großvater hat in der Roten Armee gegen sie gekämpft. Die Nazis waren verrückt."

Über die Zugehörigkeit dieser Jugendlichen wird nun debattiert, zumal auch noch die Mutter des Hauptverdächtigen erklärte, dass ihr Sohn "keine andere Sprache als Russisch spricht." Für Efraim Zuroff vom israelischen Wiesenthal-Zentrum liegt das Problem in der Entfremdung zum Judentum. "Die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion besteht aus Leuten, die keine persönliche Verbindung zum jüdischen Volk, zur jüdischen Geschichte oder zum jüdischen Schicksal haben. Sie kamen aus wirtschaftlichen Gründen." Diese Kinder seien nicht integriert in die israelische Gesellschaft, was nicht besonders überrasche, sie lebten in einem russischen Getto, wo sie verrückten Ideen im Internet ausgesetzt seien.

Er verwundert nicht, dass die politische Klasse sofort erhitzt über eine Abänderung des sogenannten „Rückkehrgesetzes“ debattierte, das die Einwanderung mit der oben genannten Freizügigkeit nach Israel regelt. Interessanter aber ist wohl erst einmal die genauere Suche nach Lücken in der Integrationspolitik. "Die israelische Gesellschaft muss sich nicht nur fragen, wo diese Jugendlichen einen Fehler gemacht haben, sondern auch, wo wir versagt haben bei ihrer Aufnahme und Erziehung", erklärte der Minister für öffentliche Sicherheit Avi Dichter.