Finden sich ausgerechnet dreißig Jahre nach dem Deutschen Herbst neue Erkenntnisse und Beweise in wichtigen Mordfällen der RAF? Während Peter-Jürgen Book, ehemals führendes Mitglied der Terrorgruppe, von sich behauptet, er wisse, wer Hanns Martin Schleyer erschossen hat, berichtet der Spiegel nun von geheimen Abhöraktionen aus den Zellen der damals in der Justizvollzugsanstalt Stammheim einsitzenden RAF-Häftingen.

Andreas Baader , Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe sollen, glaubt man diesem Bericht, in der Nacht ihres gemeinsamen Selbstmordes im Oktober 1977 möglicherweise abgehört worden. Staatsschutz und verschiedene Geheimdienste könnten möglicherweise die Verabredung zum kollektiven Selbstmord über Wanzen mitgehört haben. Der Bericht stützt sich auf bislang geheim gehaltene Dokumente und verschiedene Zeugen.

Die drei Terroristen nahmen sich am 18. Oktober 1977 das Leben, kurz nachdem die Sondereinheit GSG 9 in Somalia Besatzung und Passagiere einer entführten Lufthansa-Maschine befreit hatte. Einen Tag später wurde der entführte Arbeitgeberpräsident Schleyer ermordet aufgefunden.

Um den Tod der RAF-Häftlinge gab es immer wieder Spekulationen. Sie hatten sich trotz Kontaktsperre über ein Kommunikationssystem verständigt, das über die Stromleitungen der Haftanstalt lief.

Nun schreibt der Spiegel , die ersten Wanzen in Stammheim seien schon im März 1975 eingebaut worden. Als Zeuge zitiert die Zeitschrift unter anderem den damaligen Leiter der Abteilung Staatsschutz im Landeskriminalamt Baden-Württemberg, Hanns Kollischon.

Ziel der Aktion sei es gewesen, die Freipressung von Häftlingen zu verhindern, wird Kollischon zitiert. Man habe während der Schleyer-Entführung versucht, Hinweise von den Inhaftierten zu erhalten. "Es wäre doch idiotisch, wenn man solche Einrichtungen nicht nutzen würde, um das Leben Schleyers zu retten. Alles, was machbar war, wurde gemacht." An das Ende der Lausch-Einsatzes könne sich Kollischon nicht mehr genau erinnern.

Als weiteres Indiz präsentiert der Spiegel einen Einsatzkalender der Staatsschutzabteilung vom Tag des Selbstmordes. Darin seien alle ein- und ausgehenden Meldungen der sogenannten LKA-Abteilung 8 registriert worden. Das Protokoll weise aus, dass ein Staatsschutzbeamter die Beamten einer "Sondermaßnahme" angewiesen habe, "Erkenntnisse aus ihrem Bereich, die im Zusammenhang mit dem Vorfall in Stammheim stehen, sofort an die Abteilung 8 weiterzugeben". Einzige Sondermaßnahme sei aber die Abhöraktion gewesen.