Fast alle kommen wieder. Nach ein paar Stunden oder Tagen taucht der Großteil der in Deutschland als vermisst gemeldeten Kinder und Jugendlichen wieder auf. Die meisten waren nur für ein paar Stunden von zu Hause ausgerissen - wegen Liebeskummer, schlechter Schulnoten, Ärger mit den Eltern. Manche haben einfach die Zeit vergessen. Andere verschwanden auf dem Weg in die Schule oder in den Supermarkt, von einigen fehlt bis heute jede Spur.

518 Kinder bis 13 Jahre und 1315 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren werden laut Bundeskriminalamt aktuell vermisst. Die Zahlen schwanken täglich. Einige tauchen wieder auf, dafür verschwinden andere. Als vermisst gelten Kinder und Jugendliche, so lautet die offizielle Definition des BKA, "wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben und ihr Aufenthalt (dem Sorgeberechtigten) unbekannt ist".

In aktuell 724 dieser Vermisstenfälle geht die Polizei davon aus, dass ein Elternteil das Kind verschleppt hat, häufig ins Ausland. Ein Sonderfall, sagt BKA-Sprecherin Sandra Clemens, sind Flüchtlingskinder, die ohne Begleitung nach Deutschland kamen und hier ohne das Wissen der amtlichen Betreuer aus Flüchtlingsheimen "abgeholt" werden – oft von hier lebenden Verwandten und Bekannten. Auch diese Kinder gelten als vermisst. In 224 solchen Fällen ermittelt die Polizei momentan.

Angestoßen durch den aufsehenerregenden Fall der seit vier Monaten in Portugal vermissten Madeleine und der Berichterstattung über Einzelfälle, mag man zurzeit den Eindruck haben, dass sehr viele Kinder verschwinden und nur wenige Fälle aufgeklärt werden. Dabei ist die Aufklärungsquote in Deutschland sehr hoch: Im Laufe des Jahres 2001 wurden 14.658 Kinder bis 14 Jahre vermisst, 14.519 Fälle wurden aufgeklärt, das entspricht einer Quote von 99 Prozent. 2002 sah es ganz ähnlich aus: 14.081 von 14.220 Fällen wurden gelöst. Bei den ungeklärten Fällen geht die Polizei davon aus, dass die Kinder Opfer einer Straftat oder eines Unglücksfalls wurden. Nicht wenige Kinder ertrinken, oft werden ihre Leichen einfach nie gefunden.

An Kinder wie das damals zehnjährige Mädchen Hilal Ercan , das 1999 aus einem Einkaufszentrum im Hamburger Stadtteil Lurup verschwand, und von dem bis heute jede Spur fehlt, erinnert die Hamburger Eltern-Initiative "Vermisste Kinder" jedes Jahr mit dem "Tag der vermissten Kinder". Mit der Hilfe der Initiative des Schleswig-Holsteiners Carl Bruhns wurden in den vergangenen Jahren 51 vermisste Kinder wiedergefunden und zurück zu ihren Eltern gebracht. Aufgespürt wurden einzelne Kinder sogar in Mexiko und den USA. Initiator Bruhns und die 20 ehrenamtlichen Mitarbeiter suchen mithilfe von Websites , über die Monitore von U-Bahnen in Berlin und Hamburg, Fernsehprogrammen in Arztpraxen und seit Ende August dieses Jahres auch über Videoplattformen wie Youtube oder Sevenload mit Bildern und Videos der Vermissten.

Bruhns sagt, er habe in den letzten Wochen viele Zuschriften von Menschen bekommen, die die Suchkampagne im Fall Madeleine kritisch sehen. "Da allein in Deutschland 1800 Kinder und Jugendliche vermisst werden, empfinden viele diesen Aufwand der Eltern als unverhältnismäßig. Natürlich tun auch wir als Initiative alles, um die Kinder wiederzufinden."