I Sing The Body Electric hieß eine der frühen Platten von Weather Report: Den Körper elektrisch singen, akustische Funkenflüge erzeugen, die wie Signallichter in dem Gewebe aus Melodie, Harmonie und Rhythmus aufblitzen, sphärisches Knistern erzeugen, das die Musik aus der Sphäre des Clubs direkt ins halluzinierte Weltall schießt.

Space Is The Place – die Formel des Jazz-Exzentrikers Sun Ra galt auch für die Karriere des Wiener Tastentausendsassas Josef „Joe“ Zawinul. Geboren 1932 im Wiener Arbeiterbezirk Erdberg wurde ihm Elektrizität ein zentrales Mittel. Er war ein Meister des Einstöpseln. „Plug In“ bedeutete ihm nicht nur, sein Wurlitzer-Piano, den Ringmodulator, später dann seine furchteinflößenden Batterien jeweils neuester Synthesizermodelle an Verstärkersysteme anzuschließen, „Plug In“ hieß auch, sich in Verständigungskreisläufe einzuklinken, über die Klangmacht der Boxen den direkten Zugang zum Publikum zu suchen. Den Körper zu elektrisieren, die Zuhörer zum Tanzen zu bringen, die Füße zum Wippen – das wollte Zawinul.

Obwohl er mehrmals in seiner 50-jährigen Karriere an vorderster Front der Musikentwicklung stand, mochte er sich nie damit begnügen, in New Yorker Avantgardeclubs vor vier Leuten zu spielen, die gelangweilt die Eiswürfel im Whiskeyglas klackern ließen. Die zerebrale Dimension des Jazz – die abstrakt aufgerauten Soundflächen aus dem Synthesizer, die geisterhaften Echoplex-Effekte, die freitonalen Liniengeflechte vollendeten sich für ihn erst im Zusammenspiel mit einem nach vorne schiebenden Rhythmus. Seine Vorstellung vom Jazz blieb immer traditionell, ganz egal, ob er mit Miles Davis und Weather Report in die nicht kartografierten Zwielichtzonen der elektronischen Klangproduktion vordrang oder später mit dem Zawinul Syndicate die Konturen einer noch zu erfindenden Globalmusik umriss.

„Ich verbinde Jazz nicht so sehr mit dem, was heute in den USA passiert“, sagte Zawinul noch 2006 im Interview mit der New York Times, „sondern mit den Klängen meiner Jugend: Jimmy Lunceford, Ellington , Miles Davis, Bird, Dizzy Gillespie. Wie schön und wie aufregend war die Musik doch damals! Das ist die Epoche, mit der ich mich identifizieren kann.“

Begonnen hatte die stellare Karriere des Joe Zawinul – von Erdberg nach Santa Monica – in jenem düster verschatteten Nachkriegs-Wien, das durch den Film Der Dritte Mann von Carol Reed zur Ikone und gleichzeitig zum Klischee wurde. Die Stadt war wie Berlin in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Man musste sich entscheiden, wohin man sein Begehren richten wollte. Für den jungen Josef waren es – ganz klar – die Amerikaner, die ein Leben jenseits von Schwarzmarkt-Tristesse, knurrendem Magen und heruntergekommenen Mietskasernen verkörperten: „In Filmen wie Badende Venus sah ich diese eleganten Villen, diese wunderbaren Swimmingpools. Da wollte ich hin.“ Josef wurde zu „Joe“. Es sollte noch zehn Jahre dauern, bis der in Amerika ankam, jenem Sehnsuchtsort, an dem Jazz Glamour versprach, bittersüße Noir-Romantik, schöne Frauen und harte Drinks.

Der junge Musiker hatte eher gelangweilt klassische Musik studiert und ließ sich ziemlich widerstandslos von den Sirenentönen einer New-Orleans-Revivaltruppe ins Lager der Improvisation hinüberlocken. Eine Zeit lang spielte er mit dem Old-Time-Kaiser Fatty George, einer viel geliebten Wiener Lokalgröße. Dann schloss er sich dem Tenorsaxofonisten Hans Koller an, der das coole Wissen von Lennie Tristano und Lee Konitz in ein europäisches Idiom zu übersetzen versuchte. Während seiner Lehr- und Wanderjahre trainierte Zawinul mit ziemlicher Konsequenz das Boxen – eine Zeit lang wollte er sogar Profi werden. Doch als ihn 1958 ein Stipendium nach Berklee führte, war alles klar. Nun ging es darum, nicht am Boulevard of Broken Dreams zu enden, sondern im Paralleluniversum des Jazz einen Platz zu finden. Mittlerweile war nicht mehr das Hauchen des Cool Jazz angesagt, sondern der treibende Hard Bop: eine schwarz codierte Musik, deep, down and dirty , voller Soul und Gospel-Emphase, zu der man am besten Kutteln aß.

Und Joe Zawinul, das schmale, weiße Bürschchen aus der Wiener Vorstadt fand problemlos Eingang in die verschworenen Zirkel der Musiker, die vor allem für ihre unter der Knute des Rassismus leidende Community aufspielten: „Ich habe mich mit den Schwarzen immer gut verstanden“, sagte Zawinul einmal im Interview mit dem Schweizer Kritiker Peter Rüedi. „Irgendwie gibt es den gleichen Sinn für Humor, auf Wienerisch gesagt: eine verwandte Art von Schmäh. Unser Wiener Dialekt ist ja sehr nah bei einer walking bass line. Miles sagte auch: ´ Nobody can write bass lines like you. `“ Dieser Schmäh, auf`s Piano übersetzt, war vielleicht das gewisse Etwas, das Zawinuls Musik den Schwarzen als frisch und unverbraucht erscheinen ließ: Da eine verzögerte Note, dort ein unerwartetes Ornament und vielleicht einmal zwei Takte aus einer Mozart-Sonate.

Zawinul spielte ein paar Gigs mit dem High-Note-Trompeter Maynard Ferguson, begleitete zwei Jahre lang die Sängerin Dinah Washington und besetzte dann auf fast zehn Jahre den Pianostuhl im Cannonball Adderley Quintet. Es war die Zeit, in der er Welthits wie Mercy, Mercy, Mercy oder Country Preacher komponierte und die Gruppe mit perlenden E-Piano-Kaskaden sacht in modernere Klanggefilde navigierte. Und dann jener historische Moment, der den Weltruhm Joe Zawinuls begründete: Miles Davis offenbart sich als Jazzgott und verpflichtet den Wiener Tastenmann für seine Platte In A Silent Way , mit der er den verhangenen Kammerjazz seines Quintetts der sechziger Jahre hinter sich lässt, um ein wildes Klang-Amalgam aus Sly Stone, Jimi Hendrix und Trompetenkürzeln zusammenzumixen. Es ist die Geburtsstunde des Electric Jazz, auch Jazz Rock genannt. Ein Fenster der Möglichkeiten tut sich auf. Die überblasenen Angst- und Zornschreie des Free Jazz der sechziger Jahre waren im antwortlosen Raum verhallt, das Publikum in Scharen geflohen.

Miles Davis und Joe Zawinul wollten der organlosen Hirnmusik den Körper zurückgeben, das Blut in den Adern pochen hören. Fusion war, trotz des Aufheulens der traditionellen Jazzkritik, von Beginn an ein Riesenerfolg und Joe Zawinul spürte, dass es nun Zeit war, selbst in die erste Reihe zu treten. Als Partner holte er sich den Saxofonisten Wayne Shorter, auch der Miles-Davis-erfahren, und gründete mit ihm die Gruppe Weather Report.

Das dialektische Pingpong der beiden Ausnahmemusiker konturierte ein knisterndes Spannungsfeld, in dem 15 Jahre lang immer wieder neue akustische Versuchsanordnungen ausprobiert werden konnten. Auf der einen Seite der extravertierte Elektronik-Buff Zawinul, der sein Tastenarsenal im Lauf der Jahre zu einer Festung ausbaut und sich asymptotisch einer Welt nie gehörter Töne und Klangfarben zu nähern versucht, auf der anderen der introspektive Saxofonist Shorter, der die oszillierenden Klangbänder und Schockwellen aus Zawinuls Synthesizern mit Melodiekürzeln auf dem Sopransaxofon interpunktiert, kommentiert und ins Abstrakte wendet. „Jeder spielt solo, keiner spielt Solo“, hieß die Devise in der Frühzeit von Weather Report, als die übrigen Mitspieler beinahe im Jahrestakt wechselten.

Im Lauf der Jahre ging die fragile Balance verloren. Zawinul rückte immer mehr in die Position des Fähnleinführers, der einen Großteil des Materials komponierte, die Arrangements festlegte und den Kurs bestimmte, während Wayne Shorter allmählich verstummte. Und so wurde aus dem Pionierensemble, das in seinen besten Momenten das Raum-Zeit-Kontinuum für Sekundenbruchteile umstülpen konnte, ein Beschallungs-Dienstleister für gehobene Cappuccino-Cliquen.

Zwar gelangen in den späteren Jahren die größten Erfolge – zum Beispiel der Hit Birdland vom Album Heavy Weather aus dem Jahr 1977 –, doch die Elektrizität war aus den Körpern gewichen. Im Gleichklang mit dem Niedergang der Fusion-Musik glich die weitere Karriere von Weather Report einer langen, quälenden Ausblendung. Als Mitte der achtziger Jahre Wayne Shorter von dannen zog, machte Zawinul unter dem Namen Syndicate weiter. Doch es sollte sich nicht mehr viel ändern. Zwar probierte er dies und das, produzierte den großen afrikanischen Sänger Salif Keita, komponierte unter dem Titel Stories Of The Danube eine Symphonie Brucknerscher Dimension und verlieh seiner Musik durch Beimischung von Klangfarben aus allen fünf Kontinenten Globalkolorit, doch das Fenster der Möglichkeiten hatte sich geschlossen. Wie viele andere Berühmtheiten verwaltete Joe Zawinul seinen zum Markenzeichen gewordenen Namen und glänzte gelegentlich durch starke Sprüche in Richtung der neokonservativen Jazzer um Wynton Marsalis. Die musikalischen Innovationen aber spielten sich ganz woanders ab.

In den vergangenen 15 Jahren hat die Stadt Wien mit der üblichen Verspätung ihre Liebe zu einem großen Sohn entdeckt, der seine Karriere ganz ohne die Subventionen vom Kulturamt im Ausland vorantrieb. Man zelebrierte von offizieller Seite seine Jugendfreundschaft mit dem – mittlerweile verstorbenen – ehemaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil; man hängte ihm in regelmäßigen Abständen eine Pletschn um, so der Wiener Ausdruck für Orden und Ehrenzeichen; man schenkte ihm gar einen Jazzclub in der Innenstadt, der nach dem New Yorker Vorbild Birdland hieß und binnen zweier Jahre an den Rand des Konkurses gewirtschaftet wurde.

Joe Zawinul ist am 11. September in einem Wiener Krankenhaus an einer Krebserkrankung verstorben. Er wurde 75 Jahre alt. Ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof ist ihm sicher, so er nichts anderes verfügt hat.

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