Es gibt den Weltfrauen- und den Weltmännertag. Es gibt den Welttag der Feuchtgebiete und den Tag des Deutschen Butterbrotes. Die Inflation der Gedenk- und Aktionstage macht es schwer, sie ernst zu nehmen. Mit dem Weltkindertag ist es ein bisschen anders. Die Vereinten Nationen haben ihn bereits 1954 ins Leben gerufen. Mittlerweile feiern ihn mehr als 145 Länder. Angesichts vieler missbrauchter und vernachlässigter Kinder sowie ungleicher Bildungschancen brauchen die Menschen offensichtlich dringend eine Erinnerung, dass sie auf Kinder achten und sie ernst nehmen müssen. Erst recht, wenn man international genauer hinschaut: auf Kinderarbeit, hungernde Kinder und Kindersoldaten.

Trotzdem fragt man sich: Was nutzt ein Weltkindertag? Zunächst einmal ist er Anlass, Kinderfeste zu feiern und Flugblätter zu verteilen. Verschiedene Kinderschutzorganisationen machen darauf aufmerksam, unter welchen Bedingungen Kinder vor allem in Entwicklungsländern leben. Viele nutzen den Tag, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Die sind meistens wichtig und sollten auch gehört werden. Doch das Feld ist weit. Vielleicht zu weit, um konkrete Beschlüsse zu bewirken?

Sascha Decker von der Organisation Kindernothilfe hält den Tag für notwendig, um „wichtige Themen überhaupt in den Ring werfen zu können.“ Damit die Menschen zuhören, braucht man entweder eine heftige Debatte, die sich an einem aktuellen politischen Geschehen entzündet - oder eben einen künstlichen Anlass wie den Weltkindertag. Die Kindernothilfe weist dieses Jahr auf 25 Millionen Kinder in Pakistan hin, die nicht in die Schule gehen. Eine Lücke, die radikale Islamschulen teilweise zu schließen versuchen. Konkrete Folgen erwartet Decker nicht, aber die Menschen sind bereiter, etwas darüber zu lesen. Die Information wird nicht mit Spendenaufrufen vermischt. 

Der Deutsche Kinderschutzbund wiederum nimmt das Thema Kinderarmut in Deutschland auf. Er fordert am Weltkindertag von der Bundesregierung mehr Geld für Hartz IV-Familien. Jedes sechste der 15 Millionen deutschen Kinder sei von Armut betroffen. Armut verringere die Chancen auf einen guten Schulabschluss und bedeute schlechte Ernährung. Mit 2,6 Millionen Fähnchen will der Kinderschutzbund am Weltkindertag am Donnerstag auf diese 2,6 Millionen betroffenen Kinder in Deutschland aufmerksam machen.

UNICEF , der Deutsche Kinderschutzbund und das Deutsche Kinderhilfswerk nutzen die Aufmerksamkeit des Tages außerdem, von Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat zu fordern, die Rechte der Kinder im Grundgesetz zu verankern. Ebenfalls ehrenwert. Wobei es umstritten ist, welchen Vorteil Kinder davon haben können .

Doch nicht alle Organisationen sehen den Nutzen des Aktionstages. So hat die Deutsche Kinderhilfe Direkt bereits vor drei Jahren entschieden, sich nicht mehr am Weltkindertag zu engagieren. Der Vorsitzende Georg Ehrmann hält den Tag für ein Feigenblatt, eine Alibiveranstaltung. „Von den Weltkindertagen sind noch nie nennenswerte Beschlüsse oder Initiativen hervorgegangen“, sagt er. Anders wäre es, wenn man nicht nur Feste feiern würde. Ehrmann würde es begrüßen, wenn stattdessen ein fraktionsunabhängiger Kinderbeauftrager des Bundestages jeweils am Weltkindertag eine wissenschaftliche Studie veröffentlichte, in der die konkrete Situation der Kinder in Deutschland dargestellt wäre.  Daraus könnten dann konkrete Maßnahmen abgeleitet werden. Und man müsste sich nicht jedes Jahr fragen, ob der Weltkindertag irgendetwas bewirken kann.