Auf den ersten Blick ist es zum Die-Augen-Verdrehen. Riesig kreischt "No more fashion victims" vom T-Shirt der jungen Frau. Sie selbst ähnelt mit ihrem hochtoupierten, streng gescheitelten Haar, dem neonorangefarbenen Lippenstift und den Leoparden-Hotpants allzu sehr wie einem jener Menschen, denen jegliche eigene Urteilskraft auf der Suche nach dem neusten Schrei abhanden gekommen ist. Aber weit gefehlt: Die Dame hat etwas zu sagen, der Spruch auf ihrem T-Shirt ist nicht nur so daher gedruckt. Laut Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich 20.000 Menschen durch giftige Gerbstoffe, 100.000 leiden unter lebenslangen Beschwerden. Deshalb stellt Katharine Hamnett ihre T-Shirts frei von Pestiziden aus Bio-Baumwolle und nur in lizenzierten Fabriken her. Mode, so die Botschaft des Hemds, soll endlich nicht nur ein gutes Gefühl, sondern auch ein reines Gewissen machen.

Schon im vergangenen Jahr feierten Vorreiter wie sie den Einzug des Öko-Ethik-Trends in die Märchenwelt der Couture. Zu gut passte es in das Jahr von LifeAid, Schuldenerlass und von Hollywoodstars in Darfur. Da konnte man auch den einen oder anderen Gedanken an Pestizide, Ausbeutung und Kinderarbeit verschwenden. Peaches Geldof, 18-jährige Tochter des LifeAid-Gründers Bob Geldof schien Katharine Hamnetts Shirts jedes Mal zu tragen, wenn sie fotografiert wurde – und sie gilt in England als eine der bestangezogenen Frauen.

Und nun hat die Öko-Mode auch die Feuertaufe geschafft. Im vergangenen Jahr gab es während der London Fashion Week erstmals eine Ausstellung von nachhaltiger Mode, Estethica . Dieses Jahr hatte sie mit Monsoon Accessorize erstmals einen kommerziellen Sponsor. "Aus dem Trend ist eine Bewegung geworden", sagt Matilda Lee, Verfasserin des Shopping-Führers Eco Chic . Für die 25 Stände bewarben sich mehr als 100 Designer.

Mittlerweile tummeln sich nicht nur reine Ökolabels an den dicht an dicht gestellten Ständen. Gleich zu Beginn des Rundgangs fangen konventionelle Designernamen den Blick: Luella Bartley, Christian Lacroix und Betty Jackson – so verschieden sie auch sind, so vereint hängen die von ihnen entworfenen T-Shirts jetzt für die Kampagne "Pick your cotton carefully" auf einer Stange. "Auch wenn ihre eigenen Labels vielleicht erst auf dem Weg dorthin sind, haben alle begeistert mitgemacht", sagt Larissa Clark von der Environment Justice Foundation. Tatsächlich dürfte noch ein anderes Motiv Grund für die Begeisterung sein: Nachdem selbst große Labels wie Lacroix dabei ertappt worden waren, wie sie sich der Billigkräfte aus China bedienen, vollführten viele so etwas wie eine abrupte Kehrtwende. "Baumwolle ist etwas, das wir selbstverständlich für natürlich halten", sagte Luella Bartely, als sie ihre Kollektion vorstellte. "Wir machen uns gar keine Gedanken darüber, welch großen Schaden ihr Anbau in der Welt anrichtet." Die Hemden sind freilich eher nur warnende Symbole. Sie sollen auf die Probleme Kinderarbeit und Umweltverschmutzung durch lange Transportwege und durch den Gebrauch giftiger Stoffe hinweisen und sie nicht lösen. Die Designer bekennen sich dazu, diese Probleme erkannt zu haben. Mehr nicht.