ZEIT online: Man hat den Eindruck, dass die Unzufriedenheit mit der Bush-Regierung den künstlerischen Mainstream erreicht hat. Bush zu verteufeln ist Pop – doch warum tun sich die Größen des Jazz so schwer damit, ihre politischen Ansichten öffentlich kund zu tun? Mister Hancock, haben Sie Angst?

Herbie Hancock: Wenn man in die Zeitung schaut, merkt man doch schnell, dass Jazz dort keine Rolle spielt. Wen sollte es also interessieren, oder anders gefragt: Wie sollte man erfahren, was ich politisch denke?

ZEIT online: Was wollten Sie erreichen, als Sie anfingen, professionell Musik zu machen?

Hancock: Ich kam nach einer klassischen Klavierausbildung zum Jazz. Als Heranwachsender habe ich Rhythm & Blues gehört, Mitte der fünfziger Jahre interessierte ich mich dann mehr und mehr für Jazz, doch ich hatte das Gefühl, dass eine Verbindung zwischen Klassik und Jazz für meine persönliche Entwicklung als Musiker wichtig sein könnte. Anfang der sechziger Jahre war ich dann ein richtiger Jazz-Snob, bis ich Pianist in der Band von Miles Davis wurde. Der war alles andere als ein Jazz-Snob – er hörte Jimi Hendrix, Manitas de Plata, Cream, Stones. Ich habe Miles Davis so bewundert, für mich war er der King of Cool. Wenn er etwas toll fand, hörte ich es auch. So öffnete ich mich anderen musikalischen Einflüssen, weil ich so hip und cool wie er sein wollte. Ansonsten wollte ich wissen, welchen Stern Herbie Hancock in der Welt des Jazz erreichen könnte.

ZEIT online: Saßen Sie damals mit anderen Musikern in der Band zusammen und haben diskutiert, wie Sie die Zukunft des Jazz gestalten können? Hatten Sie da eine Vision?

Hancock: Nein. Wir waren Anfang, Mitte 20 und wollten uns entwickeln. Mich interessierte, welche Zukunft Herbie Hancock hat. Hinzu kam, dass die gesellschaftliche Bewegung gegen die Diskriminierung von Frauen und Afroamerikanern und der Protest gegen den Vietnam-Krieg zu einer Rahmenbedingung unserer Musik wurden. Miles' Band war sicherlich nicht Avantgarde im Sinne einer expliziten Protest-Musik, wir waren etwas dazwischen. Wir hielten die Fahne qualitativ wertvoller Musik hoch und wollten gleichzeitig die Stimmung der Zeit musikalisch zum Ausdruck bringen. Wir nannten das, was wir machten, kontrollierte Freiheit. Miles hörte sich die Avantgarde jener Tage an, und dann machten wir es auf unsere Art. Mich haben damals die Menschen irritiert, die aus Protest Hass gesät haben. Das war mir zu extrem. Die Musiker, die sich dafür entschieden, ausschließlich Free Jazz zu spielen, suchten keine Verbindung zur Tradition des Jazz. Die Band von Miles Davis ging einen anderen, einen musikalisch neuen Weg. Die Protestformen, Zorn und Schuldzuweisung, motivierten uns nicht so sehr, Miles ging es eher um Ermutigung und Hoffnung.

Hancock: Es gibt Leute, die mich gern in einer Jazz-Box wegschließen würden. Doch mir geht es genau um das Gegenteil: Es gibt viele Arten, das Leben zu sehen und zu meistern. Und ich versuche das auch mit der Musik. Das ist mein Statement zum Jazz: Dass Jazz offen ist, die Welt der Musik immer wieder neu zu sehen und zu gestalten. Jazz ist ein schöpferischer Ausdruck der Zeit, in der wir leben.

ZEIT online: Welche Rolle spielt der afroamerikanische Einfluss in Ihrer Musik?

Hancock: Ich könnte ohne ihn nicht so spielen, wie ich spiele. Wer bei mir nur die klassische Klavierausbildung hört, hat ganz offensichtlich Wahrnehmungsprobleme. Meine Phrasierung kommt aus dem Jazz, aus meiner Erfahrung als Afroamerikaner. Ich meine damit nicht Oberflächlichkeiten wie: Spiel mal ein paar Blue Notes. Die afroamerikanische Erfahrung reicht viel weiter: Da geht es um die Fähigkeit des Menschen, die schlimmsten Vorkommnisse zu überwinden, indem er etwas schafft, das einen großen moralischen und ethischen Wert hat. Protest ist nur eine Vorstufe dieser Erfahrung.

ZEIT online: Wie kamen Sie zum Buddhismus?

Hancock: Es gab einen Zeitpunkt, an dem ich nach neuen Inspirationen suchte, um meine Musik stärker und besser zu machen. Ich wollte die Anzahl der Nächte erhöhen, in denen ich wirklich gut spiele. Gute Ernährung, eben Dinge, die meine Gesundheit verbessern, um die Musik zu verbessern. Der Bassist Buster Williams brachte mich vor 35 Jahren zum Buddhismus, ich hörte bei ihm auf einmal etwas, das ich noch nie von einem Bassisten gehört hatte, und jeder spürte es, im Publikum und auf der Bühne. Die Leute sagten, sie hätten diese Musik nicht gehört, sie hätten sie erfahren. Eine komische Aussage, aber ich begriff, dass etwas Magisches geschehen war. Ich habe ihn dann gefragt, was ihn so spielen lässt, und er sagte nur ein Wort: Buddhismus.

Er sagte auch, wenn du praktizierst, aber nicht daran glaubst, wird es dennoch funktionieren, und der Gaube kommt dann später. So etwas kannte ich als Christ nicht. Das alles hörte sich nach meiner sehr persönlichen Religion an. Es gab dann sehr viele Veränderungen in meinem Leben, eine besondere Reinheit, ein klarerer Blick auf das Leben. Als mein Freund Wayne Shorter seine Frau durch einen Flugzeugabsturz verlor, half ihm der Buddhismus nicht nur sich selbst zu helfen, sondern er konnte vielen Freunden helfen, die einfach nicht mehr weiter wussten.

ZEIT online: Wovon erzählt Ihre Musik?

ZEIT online: Gibt es noch Raum für Veränderungen?

Hancock: Die Konventionen in der Jazz-Tradition haben sich seit Jahrzehnten nicht wesentlich geändert. Wayne Shorter und ich sind der Meinung, dass das nicht so sein sollte. Dass der Schlagzeuger vom Anfang bis zum Ende eines Stückes spielt – muss das für alle Zeit so sein? Oder die Struktur, der Ablauf von Thema und Soli, der Umgang mit Tempi – muss das immer alles zum Verwechseln ähnlich klingen? Dass das Solo auf den Harmonien der Melodie gründen muss – das ist doch eine total alte Denkweise.

ZEIT online: Sie sind immer von der Entwicklung der Instrumenten- und Musiktechnologie fasziniert gewesen. Was erwarten Sie davon?

Hancock: Wir betrachten die Technologie nicht als treibende Kraft unserer Musik. Wenn wir die Technik nutzen, um der Menschheit zu dienen, ist das gut. Aber ohne Weisheit treibt das in die falsche Richtung. Es ist die Weisheit, die das Herz der Menschen berührt. Musik kann eine heilende Kraft sein. Sie kann das tiefe Gefühl von Hoffnung und Mut transportieren. Was der Musiker von seiner Umwelt wahrnimmt und was ihn wirklich berührt, das findet sich in seiner Musik wieder: Toleranz und das Schaffen ideeller Werte. Die Idee, ein offenes, positives Leben zu führen, ein Leben, das nach positiver Bedeutung strebt. Die Wahrnehmung von Dingen, die das eigene Leben spirituell voranbringen können. Der Umgang mit den eigenen Schwächen. Die Bereitschaft, sein Leben zu verändern und neue Wege zu gehen.

Ich denke, dass man sich nie als Opfer fühlen sollte, sondern als Wegbereiter der Zukunft. Dafür ist das Prinzip des Teilens wichtig. Ich möchte Menschen dazu ermutigen, zu forschen, zu probieren, Neuland zu eruieren. Nicht in der Bequemlichkeit zu verharren, was leider viele Musiker bevorzugen. Viele verharren dort, weil sie sich gar nicht bewusst sind, dass sie eine andere Wahl haben. Das Gefühl der Jugend ist Neugier und Abenteuer, das sollte man sich erhalten.

ZEIT online: Ist das Internet für Ihre Arbeit wichtig?

Hancock: Der ganze Umgang mit dem Internet ist stark vom linearen Denken bestimmt, da bewegen wir uns noch im 20. Jahrhundert. Angesagt wäre ein Denken, das gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen und in mehrere Richtungen geht – das Internet gibt es her, doch der interaktive Ansatz wird kaum realisiert. Heute im Internet aufzutreten, ist einem Fernsehauftritt ähnlich, allerdings mit dem Unterschied, dass das world wide web global und somit tendenziell für alle Menschen zugänglich ist. Aber das Internet wird sich entwickeln und mit ihm auch Produkte, die den Gebrauch der interaktiven Elemente fördern. Man kennt das ja im Ansatz schon von einigen Spielen. Im Internet ist die Zusammenarbeit der Menschen, die Diskussion und Entwicklung neuer Ideen möglich, der einzelne Mensch ist nicht mehr zum Glotzen verurteilt, sondern kann aktiv werden und sich schöpferisch betätigen.

ZEIT online: Im Jazz scheint aber die intime Atmosphäre eines Clubs unersetzbar zu sein.

Hancock: Von Miles Davis habe ich sehr viel über die physische Qualität der Performance gelernt. "Der Beat kommt über den Boden", hat er gesagt. Und das war zu einer Zeit, als es üblich war, dass Schlagzeug und Musiker auf derselben Ebene stehen. Wenn das Schlagzeug erhöht gebaut ist, wird dieser Effekt verzerrt, man ist getrennt. Wenn nun alle auf einer Bühnen-Ebene sind und jeder mit dem Fuß wippt, kann es sein, dass jeder in seinem eigenen Rhythmus spielt. Das mag asynchron sein. Wenn man aber seinen Fuß still hält, kann man den Rhythmus spüren, der vom Schlagzeug kommt – und im Jazz kommt von dort in der Regel das timing.

Meine bisherige Erfahrung mit der Improvisation über das Internet, ist, dass man – physisch gesehen – nicht in time ist. Und dass die Technik, die so etwas vermeiden helfen könnte, noch nicht verfügbar ist. Vielleicht müsste man den Boden mit lauter kleinen Sendern vernetzen, die auf die Daten des Schlagzeugs reagieren und sie in physisch erfahrbare Schwingungen umsetzen.

ZEIT online: Wohin treibt es Sie und den Jazz?

Hancock: Ich bin nicht der Typ, der immer das Gleiche machen möchte. Wenn ein Terrain definiert ist oder es zu eng wird, weil sich da alle tummeln – dann ist es Zeit zu wechseln. Das habe ich immer so gehalten. Ich muss nicht zurück schauen, weil meine Gegenwart das Vergangene repräsentiert. Es ist darin gut aufgehoben. Ich kenne aber viele Kollegen, die sich von ihrer Vergangenheit abgekapselt haben. Die Idee des Jazz ist ein gutes Beispiel für den kreativen Zugang zum Alltag – Teamwork, Arbeit für gemeinsame Werte, gute Musik, der Mut zum Risiko, die freie Auseinandersetzung über Ideen, das Interesse, die Dinge zu verändern. Das sind Werte aus denen meine Musik gebaut ist.

Das Gespräch führte Christian Broecking.

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