Schreiben zum Überleben – Seite 1

ZEIT online: Ihr neues Buch heißt die "Die Mittagsfrau". Worauf spielt der Titel an?

Julia Franck: "Die Mittagsfrau" ist eine Lausitzer Legende. Sie erzählt, dass zur Mittagsstunde eine weiß gekleidete Frau mit einer Sichel über den Köpfen derjenigen erscheint, die mittags arbeiten. Die Mittagsfrau verhängt einen Fluch über sie. Die Menschen können diesen Fluch nur aufheben, indem sie ihr eine ganze Stunde von der Verarbeitung des Flachs erzählen. Ich mag diese Legende, weil die Verarbeitung des Flachs zu einer Textur führt und das Erzählen davon in doppelter Hinsicht von der Lebensnotwendigkeit und Lebendigkeit der Sprache zeugt. Die Protagonistin Helene verliert ihre Sprache im Laufe des Buches und zieht sich immer mehr in Schweigen zurück. Das Schweigen erscheint ihr geradezu lebensnotwendig, dadurch wird sie aber für ihr Kind unnahbar. Die Legende der Mittagsfrau finde ich passend, weil es ein sehr typischer Versuch ist, einem nicht erklärlichen Vorfall eine Geschichte zu geben. Übrigens wird der Titel sehr geschlechtsspezifisch assoziiert: Männer denken an eine Geliebte, die mittags kommt; Frauen dagegen eher an eine Hausfrau, die Mittag kocht.

ZEIT online: Im Buch geht es um eine Frau, die ihr achtjähriges Kind nach dem Zweiten Weltkrieg allein auf einem Bahnsteig zurücklässt. Eine wahre Geschichte?

Julia Franck: Es gab diese Begebenheit in meiner Familie – und ich sage ausdrücklich Begebenheit – da die Geschichte fehlt. Mein Vater wurde 1937 in Stettin geboren. Er ist 1945 im Zuge der Vertreibung mit seiner Mutter gen Westen aufgebrochen. Auf dem ersten Bahnsteig westlich der Oder-Neiße-Grenze hat sie ihn aufgefordert zu warten und gesagt, dass sie gleich wieder kommen würde. Das tat sie nie. Meinen Vater hat das sehr geprägt. Er war ein sehr feinsinniger und intelligenter Mensch. Mit 49 Jahren ist er an einem Hirntumor gestorben. In der Zeit hatte ich ihn gerade erst etwas kennengelernt. Ich besuchte ihn oft im Krankenhaus, wir besprachen vieles, redeten aber nie über seine Mutter. Als ich jetzt vor fast sieben Jahren mein erstes Kind bekam, wurde es zu einer brennenden Frage, was eine Frau dazu gebracht haben kann, ihr Kind auszusetzen und überzeugt zu sein, dass es ihm überall anders besser gehen würde als bei ihr selbst.

ZEIT online: Konnten Sie das Familiengeheimnis aufklären?

Julia Franck: Ende der neunziger Jahre habe ich mich auf die Suche nach dieser Großmutter gemacht und herausgefunden, dass sie 1996 in der Nähe von Berlin gestorben ist. Entfernte Bekannte meiner Großmutter berichteten mir, dass sie über Jahrzehnte mit ihrer Schwester in einer Einzimmerwohnung zusammengelebt habe und beide niemanden in ihr Leben gelassen hätten. Sie erwähnte nie ein Kind. Den Entschluss eine Mutterschaft und eine Bindung zu einem Kind absolut zu leugnen, finde ich seltsam und beunruhigend zugleich. Ich wollte dem nachgehen und eine Geschichte für diese Frau finden.

ZEIT online: Sie hatten selbst eine ungewöhnliche Mutter...

Schreiben zum Überleben – Seite 2

Julia Franck: Meine Mutter war Schauspielerin in Ost-Berlin, meinen Vater kannte ich kaum. Meine Schwestern und ich waren oft abends und tagsüber allein und somit auf uns selbst angewiesen. Es gab aber auch Kindermädchen – zum Beispiel Nina Hagen – und das Wochenheim, in dem wir zeitweise untergebracht waren. Es war in der DDR nicht unüblich, dass Künstler mit unregelmäßigen Arbeitszeiten ihre Kinder nur am Wochenende abholten. 1978 siedelte ich als Achtjährige mit meiner Mutter und drei Schwestern in den Westen über. Zuvor verbrachten wir einige Monate in einem Notaufnahmelager. Wir wohnten zu fünft in einem zwölf Quadratmeter großen Zimmer. Einmal in der Woche kam ein Bus aus der Stadtbücherei und brachte Bücher in das Lager. Unsere Mutter schenkte uns leere Hefte und wir fingen an, darin zu schreiben. Ich führte Tagebuch und dachte mir Geschichten aus. Schreiben wurde zu einer Art Überlebensmittel. Mit 13 Jahren bin ich von zu Hause weggegangen und habe in Berlin bei Freunden gelebt. Meine Mutter war tolerant genug, mich gehen zu lassen.

ZEIT online: "Die Mittagsfrau" ist als eines von sechs Büchern für den Deutschen Buchpreis 2007 nominiert. Wie haben Sie davon erfahren?

Julia Franck: Ich habe es von meinem Verleger erfahren, er sagte es mir unmittelbar vor meiner Premierenlesung. An diesem Abend wusste ich nicht, wie ich mich freuen soll. Es war mehr ein Wissen als ein Gefühl und erst am nächsten Morgen hatte ich den Eindruck: So hab ich mich ewig nicht gefühlt. Das Gefühl ist am besten mit dem Geburtstagsgefühl vergleichbar, das man als Kind hat, wenn dir plötzlich eine Ehre zuteil wird, für die du gar nicht viel kannst. Andersherum gesagt gibt es sicher 20 Bücher, die nicht auf der Auswahlliste stehen, aber mit großer Berechtigung einen Platz darauf verdient hätten. Ulrich Pelzer und Arnold Stadler zum Beispiel. Insofern muss man immer von Glück sprechen.

ZEIT online: Würde diese Auszeichnung den Druck, eine erfolgreiche Autorin zu sein, auf Sie erhöhen?

Julia Franck: Wenn ein Buch diesen Preis gewinnt, dann gehe ich immer davon aus, dass das Buch den Preis gewonnen hat. Deshalb sollte man sich als Autor oder Person dahinter nicht wichtiger fühlen, weil es letztlich um ein bestimmtes Buch geht. Jeder Autor hat stärkere und schwächere Bücher, in jedem Roman gibt es starke und schwache Passagen, in jedem Film genauso.

ZEIT online: Einzelne Rezensionen sprechen davon, dass "Die Mittagsfrau" verfilmt werden könnte. Was würden Sie zu einer Verfilmung sagen?

Julia Franck: Bei allen meinen Büchern tauchte bislang an irgendeiner Stelle einer Rezension der Gedanke auf, das Buch zu verfilmen. Das liegt an der Bildhaftigkeit der Sprache. Ich erzeuge Bilder, so dass der Leser das Gefühl hat, er sieht diese Menschen, wo sie sich aufhalten, wie sie sich bewegen, wie sie sprechen. Dieses plastische Erzählen entsteht durch einen relativ strengen Erzählgestus, der bedeutet, dass ich an der Textoberfläche keine psychologisierenden Erklärungen für deren Verhalten suche. Ich lasse den Leser die Dinge mit seinem inneren Auge sehen.

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ZEIT online: Gab es denn schon Anfragen?

Julia Franck: Es gab tatsächlich schon Filmverträge für "Liebediener" und "Lagefeuer". Bei "Liebediener" sind sie bereits gescheitert, bei "Lagerfeuer" sieht es nach fast vier Jahren ähnlich aus. Es stellt sich heraus, dass vieles, was für den Film wichtig ist, in meinen Büchern nicht vorhanden ist. Für einen Film ist es wichtig, dass die Hauptfigur eine in der Dramaturgie sehr strenge und spannende Entwicklung zeigt – das ist in der Literatur meistens anders. Literatur lebt – und das ist in meinen Büchern auch der Fall – von Retardierungen, von Verlangsamungen. Das ist im Film kaum nachzubilden. Die verschiedenen Blickwinkel eines Romans kann eine Kamera nicht einfangen. Sie kann nicht zugleich von innen und außen sehen.

Julia Franck wurde 1970 in Berlin geboren. Sie studierte Altamerikanistik, Philosophie und Germanistik an der Freien Universität Berlin. Ihr Debütroman "Der neue Koch" erschien 1997, danach folgten die Romane "Liebediener" (1999) und "Lagerfeuer" (2003).

Die Fragen stellte Susanne Geu