Julia Franck: Meine Mutter war Schauspielerin in Ost-Berlin, meinen Vater kannte ich kaum. Meine Schwestern und ich waren oft abends und tagsüber allein und somit auf uns selbst angewiesen. Es gab aber auch Kindermädchen – zum Beispiel Nina Hagen – und das Wochenheim, in dem wir zeitweise untergebracht waren. Es war in der DDR nicht unüblich, dass Künstler mit unregelmäßigen Arbeitszeiten ihre Kinder nur am Wochenende abholten. 1978 siedelte ich als Achtjährige mit meiner Mutter und drei Schwestern in den Westen über. Zuvor verbrachten wir einige Monate in einem Notaufnahmelager. Wir wohnten zu fünft in einem zwölf Quadratmeter großen Zimmer. Einmal in der Woche kam ein Bus aus der Stadtbücherei und brachte Bücher in das Lager. Unsere Mutter schenkte uns leere Hefte und wir fingen an, darin zu schreiben. Ich führte Tagebuch und dachte mir Geschichten aus. Schreiben wurde zu einer Art Überlebensmittel. Mit 13 Jahren bin ich von zu Hause weggegangen und habe in Berlin bei Freunden gelebt. Meine Mutter war tolerant genug, mich gehen zu lassen.

ZEIT online: "Die Mittagsfrau" ist als eines von sechs Büchern für den Deutschen Buchpreis 2007 nominiert. Wie haben Sie davon erfahren?

Julia Franck: Ich habe es von meinem Verleger erfahren, er sagte es mir unmittelbar vor meiner Premierenlesung. An diesem Abend wusste ich nicht, wie ich mich freuen soll. Es war mehr ein Wissen als ein Gefühl und erst am nächsten Morgen hatte ich den Eindruck: So hab ich mich ewig nicht gefühlt. Das Gefühl ist am besten mit dem Geburtstagsgefühl vergleichbar, das man als Kind hat, wenn dir plötzlich eine Ehre zuteil wird, für die du gar nicht viel kannst. Andersherum gesagt gibt es sicher 20 Bücher, die nicht auf der Auswahlliste stehen, aber mit großer Berechtigung einen Platz darauf verdient hätten. Ulrich Pelzer und Arnold Stadler zum Beispiel. Insofern muss man immer von Glück sprechen.

ZEIT online: Würde diese Auszeichnung den Druck, eine erfolgreiche Autorin zu sein, auf Sie erhöhen?

Julia Franck: Wenn ein Buch diesen Preis gewinnt, dann gehe ich immer davon aus, dass das Buch den Preis gewonnen hat. Deshalb sollte man sich als Autor oder Person dahinter nicht wichtiger fühlen, weil es letztlich um ein bestimmtes Buch geht. Jeder Autor hat stärkere und schwächere Bücher, in jedem Roman gibt es starke und schwache Passagen, in jedem Film genauso.

ZEIT online: Einzelne Rezensionen sprechen davon, dass "Die Mittagsfrau" verfilmt werden könnte. Was würden Sie zu einer Verfilmung sagen?

Julia Franck: Bei allen meinen Büchern tauchte bislang an irgendeiner Stelle einer Rezension der Gedanke auf, das Buch zu verfilmen. Das liegt an der Bildhaftigkeit der Sprache. Ich erzeuge Bilder, so dass der Leser das Gefühl hat, er sieht diese Menschen, wo sie sich aufhalten, wie sie sich bewegen, wie sie sprechen. Dieses plastische Erzählen entsteht durch einen relativ strengen Erzählgestus, der bedeutet, dass ich an der Textoberfläche keine psychologisierenden Erklärungen für deren Verhalten suche. Ich lasse den Leser die Dinge mit seinem inneren Auge sehen.